Nach der Blogtechnologie bin ich ausgestiegen. Oder vielleicht: Ich bin danach nicht mehr eingestiegen. Kein Facebook, kein Twitter, kein Instagram, kein WhatsApp. Es war eher ein Impuls als eine echte Entscheidung. Es hat sich angefühlt wie Notwehr: Ich fand keinen anderen Weg, als die Kanäle verstopfen, Kommunikation empfand ich immer mehr als Invasion. Egal wie freundlich oder interessant die Inhalte von Mails, SMS oder Anrufen sind, sie sind zunehmend Heimsuchungen geworden. Was ist da passiert? Schließlich gehörte ich in den 90er Jahren zu den early adopters. Ich hatte früh einen Computer, habe programmiert und die neuen Möglichkeiten der Gestaltung (Zeitschriftenlayout, Webseiten) ausgereizt. Donna Haraways Cyborg- Manifest habe ich, wie viele andere, als Aufforderung begriffen, sich Technologien anzueignen, auch wenn sie Abkömmlinge der Technowissenschaften der kalten Krieger waren. Post-Blog-Nicht-Einstieg war keine wohlüberlegte Entscheidung, erst nachträglich könnte ich Gründe, etwa eine Kritik an der freiwilligen Preisgabe von Daten, an Überwachung, an neoliberaler Selbstoptimierung  oder an Sozialkreditsystemen unterschieben. Der Impuls hatte vielmehr damit zu tun, dass ich dünnhäutig geworden war, mich diffus ausgeliefert fühlte, mir die Zeit durch die Finger rann. Ich war zu durchlässig geworden, und mein Körper reagierte mit Stresssymptomen.

Ich würde diese Stresssymptome inzwischen als  Symptome einer Spannung zwischen den kalten Techniken des Körpers und progressiven digitalen Technologien beschreiben. Techniken des Körpers, wie sie Marcel Mauss in einem Vortrag von 1934 konzipiert hat, sind — so Erhard Schüttpelz — deshalb kalt, weil sie sich einer akkumulierenden Steigerung, wie sie beispielsweise in Narrativen der Exteriorisierung oder Hybridisierung suggeriert wird, vermutlich nachhaltig entziehen. Der Körper verfügt aufgrund der Eigenzeit organischer Prozesse über eine gewisse Resistenz gegenüber heißen, progressiven Beschleunigungsprozessen, die die Entwicklungsdynamiken digitaler Technologien kennzeichnen. Körpertechniken (vom Gehen über sportliche Betätigungen bis hin zur Hygiene) werden zwar intergenerationell tradiert und  können auch enorm, bis zur Virtuosität, verfeinert werden, aber jede und jeder muss sie from scratch immer neu lernen. Ihr Erlernen ist eine Mischung aus Nachahmung, Anleitung, Dressur und Erfindung. Man führe sich nur vor Augen, wie jemand ein neues Instrument zu spielen lernt. Der Ausdruck Körpertechniken macht gleichzeitig deutlich, dass es in dieser Diskussion nicht um einen Gegensatz zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit gehen kann. Auch Körpertechniken sind arbiträr und kulturspezifisch, es verbindet sie aber ein Band mit organischen Prozessen, das in Mauss’ Text dadurch deutlich wird, dass er die Körpertechniken im Lebenszyklus anordnet: Körpertechniken des Gebärens und der Säuglingspflege, der Nähe- und Distanzregeln zwischen Kindern und Erwachsenen, Initiationsriten an der Schwelle zum Erwachsenwerden, geschlechtsspezifische Körpertechniken bei der Handhabung von Werkzeugen, Sexualtechniken, Trancetechniken, politische Körpertechniken der hierarchischen Anordnung von Körpern im Raum und Techniken des Umgangs mit dem verstorbenen Körper. Diese kurze Durchmusterung zeigt schon: Es geht immer auch um die Regulierung von Innen-/Außenverhältnissen, um Grenzregime, um die Frage, wie viel materielle Welt, wie viel Sozialiät dem singulären Sterblichen zumutbar ist. Und es geht um Prozesse von Wachstum und Verfall. Technokörper sind Körper in und mit menschlichen und nicht-menschlichen Milieus. So gesehen ist also der Technokörper alles andere als neu, und es wäre wohl mehr als angezeigt, jeder Rhetorik der Progression (immer stärkere Mensch-Maschine- Hybridisierung, immer weitergehende Expansion) mit Misstrauen zu begegnen. Aber etwas ist passiert, das meine (bis dahin vorhandene) Neugierde auf die Möglichkeiten einer Ko-Existenz mit dem Milieu der digitalen Medien gekappt hat. Ich lebe hinter einer Feuermauer und habe nicht die Bohne Lust in die Durchlässigkeit der digitalen Kommunikation umzuziehen. Vielleicht schlicht deshalb nicht, weil die Menge an möglichen Verbindungen die Endlichkeit des konkreten Lebens so scharf hervortreten lässt.

Karin Harrasser

Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Karin Harrasser berichtet, warum sie sich in ihrem persönlichen Alltag gegen die Heimsuchungen der digitalen Kommunikationstechnologien zur Wehr setzt, indem sie sich hinter einer selbstgewählten Firewall verschanzt. Diese Art Selbstschutz erscheint der Österreicherin lebensnotwendig, nicht zuletzt weil die unbewältigbare Menge an möglichen Verbindungen auf die Endlichkeit des konkreten Lebens verweist. Karin Harrasser, Professorin an der Kunstuniversität Linz und seit vielen Jahren eine Expertin für Themen rund um den Körper 2.0, war eine der Kuratorinnen des Hi Robot! Mensch Maschine Festivals im tanzhaus nrw.

Hi Robot!

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