Login

Als an der University of California in Los Angeles am 29. Oktober 1969, also vor ziemlich genau 50 Jahren, Professor Leonard Kleinrock mit seinem Team die erste Nachricht zwischen vernetzten Computern versendete, war dies einer der Grundsteine für die Technologie des Internets, eine Technologie, bei der Rechenmaschinen miteinander vernetzt Inhalte kommunizieren.

Bezeichnenderweise brach der Computer beim ersten Versuch, die Nachricht zu versenden, zusammen. Beim zweiten Versuch verkürzte der Computer die Nachricht und sie kam abgeschnitten an: Statt „Login“ empfing die andere Seite nur die Hälfte des Wortes: „Log“.

Am Anfang war das Wort, aber am Anfang waren auch ein Systemabsturz und eine quasipoetische Sprachhandlung.

Ich möchte auf Basis dieser Anekdote eine Definition für die literarische Handlung festlegen, so wie sie heute im und mit dem Internet stattfindet: Der Absturz symbolisiert einen nicht planbaren Überraschungsmoment und das Schicken der Message stellt eine schöpferische Handlung dar, die zwei Seiten braucht, den Sender und den Empfänger. Diese Urdefinition von digitaler Literarizität enthält also gewissermaßen zwei Elemente: immanentes Stören und prozesshaftes Versenden. [1]

Ich werde Beispiele digitaler Literatur vorstellen, ohne sie konzeptuell einzugemeinden. Ich werde beschreiben, wie sie senden und wie sie stören. Wie sie sich von bekannten Genres emanzipieren, neue literarische Traditionen erschreiben und Aktionen gegen einen monokulturellen Literaturbetrieb, ja, eine monokulturelle gesellschaftliche Erzählung darstellen. Sie stehen gewissermaßen in der Tradition der „kleinen Literatur“, welche Deleuze und Guattari so brillant an Kafkas kleinen Texten erläutert haben. [2]Eine „littérature mineure“ hat folgende Kennzeichen: eine Deterritorialisierung der Sprache, die Verknüpfung des Subjektiven mit dem Direkt-Politischen, eine kollektive Anordnung der Aussage. Digitale Literaturen erneuern sprachliche Möglichkeiten von einem „überall“ her, sie sind also per se „deterritorialisiert“. Sie enthalten, auch wenn sie einen individuellen Absender haben, ein diffuses Wir oder eine anonyme Nichterkennbarkeit. Und sie durchbrechen den Strom der digitalen Nachrichten, Algorithmen und Archive mit Texten, die einen Dialogeffekt in sich tragen, die immer ein Gesprächsanfang sein können — denn sie sind kommentierbar.

Ich teile diese digitalen „kleinen Literaturen“ in drei verschiedene Ausprägungen ein, je nach der Art und Weise der Herstellung: Plattform-Literatur, die direkt in sozialen Medien entsteht und dort zuerst veröffentlicht wird, Hashtag-Literatur, eigentlich eine Unterform der Plattform-Literatur, aber sortierbar durch das immergleiche, von Autor oder Autorin oder Mitschreibern gegebene Schlagwort, und Code- und Bot-Literatur, für die zunächst ein Computerprogramm erstellt werden muss, das dann wiederum automatisiert neue Texte generiert. Alle diese Literaturen haben gemeinsam, dass sie offen und unbeendet sind. Sie sind prinzipiell weiter schreib- und lesbar, sie sind prozesshaft, sie weisen von der Gegenwart in die Zukunft. Damit sperren sie sich gegen den vorherrschenden einheitlichen, abgeschlossenen Werkbegriff.

Die Grundvoraussetzung für alle diese Literaturen ist die Erkenntnis, dass wir uns im Zeitalter des „Webism“ befinden, so bezeichnete es das US-amerikanische Magazine n+1 in einem Essay im Jahr 2010: Das Internet „felt from the first less like a technology and more like a social movement — like communism, like feminism, like rock and roll.“ [3]Webism durchdringt mittlerweile alle Aspekte unseres mitteleuropäischen Lebens. Daraus ist zu schlussfolgern, dass auch digitales Lesen und Schreiben sowie die Beherrschung oder gar Neuprogrammierung digitaler Werkzeuge heute eher eine Norm denn eine Abweichung im literarischen Feld darstellen. Und dass das störende Senden innerhalb dieser digitalen Rahmungen eine notwendige schöpferische Handlung darstellt.

 

Plattform-Literatur

 

Internet wenn ich in deine unsichtbaren

Augen schau

fühle ich mich als blickte ich in

die ganze Welt.

 

Puneh Ansari  ist eine in Wien lebende Autorin. Sie schreibt auf Facebook Statusmeldungen über kapitalistische Irrwüchse, die Mondlandung, die WM oder brutale Pinguine, über die Pubertät oder über das TV-Programm. 2017 ist eine Auswahl davon als Buch in meinem Verlag mikrotext erschienen, Hoffnun’, mit fehlendem G, anglisiert sozusagen. Es sind selbstbewusste Kommentare zum Zeitgeschehen, die stilistisch die sprachliche Verknappung aus Chat-Apps imitieren und inhaltlich aktuelle Themen wie ein Irrlicht durchwandern. Dadurch wirken sie rasant, intim, wie eine beiläufig dahingeschriebene persönliche Botschaft. Mit ihren polemischen „stream of conciousness“-Gedichten oder poetischen Kurzessays bricht Ansari den Flow der banalen, alltäglichen, politischen Meldungen, die oft Facebooks Ströme dominieren. Dabei reflektiert sie meist auch die Bedingungen des digitalen Universums, in welchem die Texte entstehen.

 

Facebook ist das Kommunending

vom 21. Jahrhundert

Alle liken alles von Allen und sharen

alles mit Allen als

gäbs keine Viren kein Aids u

kein Morgen.

& dann wundern sie sich dass die

Geschlächtskrankheit

SIE trifft ihr eigen fleisch & blut

ihr liebstes hab &

gut ihr macbooc3000

Dann kommen sie plötzlich drauf

dass sie zu wenig

Zeit mit ihrer Familie verbracht

haben und werden

existenziell

 

Ähnliches tun auch andere Plattform-Autorinnen. Eine der bekanntesten im deutschsprachigen Raum ist wahrscheinlich die österreichische Autorin und Cartoonistin Stefanie Sargnagel, die 2016 mit dem Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen ausgezeichnet wurde und damit im klassischen Literaturbetrieb angekommen ist. Die anonymisierten Callcenter-Monologe aus ihrer Arbeit in einer Adressauskunftei, die sie auf Facebook postete, machten sie bekannt, aber auch kurze ironische Raps, Aphorismen, Beobachtungen. Sie polemisiert deutlich gegen antidemokratische und ausgrenzende Positionen als eine- Art digitale Humanistin und kämpft für das Matriarchat, nicht nur mit der Burschenschaft Hysteria. Axel Rühle nannte sie in der Süddeutschen Zeitung „eine der mutigsten Stimmen Österreichs“. Sargnagel wird definitiv auch außerhalb der sozialen Medien wahrgenommen, mittlerweile angefeuert durch die hämische Berichterstattung, welche die österreichische Boulevard-Presse über sie verfassen zu müssen meint.

Der Berliner Übersetzer und Dramaturg Oliver Kontny verwendete jüngst für eine andere Plattform-Autorin, die in Berlin lebende Eliza Aseva den Begriff der „Bubble Poetin“. Aseva versteht sich selbst nicht als Dichterin, aber „mit dem Bubble- Zusatz“ ginge es schon, wie sie mir in einem Chat schrieb. Kontny verwendete den Begriff eigentlich ironisch, da Aseva auf Facebook von einem Kritiker als „linkes Bubble- Wesen“ verunglimpft worden war. Der Vorwurf: Sie schreibe „blumige Gedichte“, die „außerhalb besagter Bubble einfach keiner versteht“. Erstaunlicherweise empfanden das ihre Leser und Aseva selbst aber eher als Kompliment. Aseva hält urbane Beobachtungen fest, die einerseits hart kommentieren oder auch zärtlich konstatieren: passiv-aggressive Pärchengespräche am Nachbartisch, rassistische Kommentare ihr gegenüber, die Sommerbrise unter dem Sommerkleid. Der Effekt bei den Bubble-Leserinnen ist eine Solidarisierung mit ihrer poetischen und ihrer beobachtenden Position. Die Störung, die sie aussendet, verändert und bewegt die „Bubble“ um sie herum. Die „Blase“ aus Lesern, also derjenigen, die ihren Kanal abonniert haben, ist Lesepublikum und Echokammer. Die Facebook-Posts sind also gerade nicht Tagebuch oder Brief, diese klassischen Genres des privatistischen Schreibens. Sie sind autofiktional [4]und lassen die Grenzen zwischen einem literarischen und einem schreibenden Ich verschwimmen.

Puneh Ansari beschreibt in einem Podcast, wie manche Leserinnen unter ihren Texten kommentieren, „als wenn ich eine Seite wäre“, „als wären wir im Krieg, so als müsste ich mich verteidigen“. Ihre Autorschaft wirkt identifizierbar, sie selbst wird verantwortlich gemacht und daher angreifbar, von außen, aber ihre Autorschaft ist eine fluide, inszenierte, eben keine klar gelayoutete, fixierte „Seite“. Der junge Lyriker René Kartes wies mich darauf hin, dass „es über Tumblr eine mehr oder minder große Szene von Lyrikern und Lyrikerinnen gibt, die ihre Texte über diese Blogs quasi auf regelmäßiger Basis veröffentlichen.“ Es sind „anonymisierte Poesie-Räume“, wie er mir erzählte, welche auf unterschiedlichen Blog-Systemen erschrieben werden. Diese lösen den Kult um eine verehrungswürdige Dichterpersönlichkeit komplett auf, denn der Dichter oder die Dichterin bleiben namenlos oder tragen einen fiktiven Namen. Der jeweilige Text und ein wie auch immer geartetes Profil erzeugen nun die Identifikation: „Beim instantanen Schreiben stellt man nicht dar, wer man ist oder gesellschaftlich determiniert sein solllte, eher schon performt man eine ständig aktualisierte Version seines Ideal-Ichs, unendliches ‚Selfie-Publishing'.“ [5]

Wir haben hier also eine „Post Lit“ vorliegen, eine, die aus „Postings“ besteht, oder eine „Status Lit“, die die „Statusfrage“ eines sozialen Netzwerks wie Facebook wie „Was machst du gerade?“ literarisch einlöst. Es ist „Plattform-Literatur“. Sie bedient sich einer kommerziellen Web-Plattform als momenthafter Schreib- und Veröffentlichungsort. Dabei gibt die Plattform den Rahmen der Texte vor, etwa die Länge, die Lesbarkeit, die Vernetzungsmöglichkeit zum Beispiel über Tags, Hashtags oder Links. Puneh Ansari empfindet ihr digitales Schreiben als ein „untergenre von schreiben’ f mich oder irgendwas überhaupt menschen am computer’ es ist eine neue kommunikativere’ u flüssigere form der schriftlichen kommunikation das machts vielleicht manchmal so stressig noch leute kippen auch noch so voll rein.“ (sic)

Die weltweit berühmteste dieser Plattform- Poetinnen ist wahrscheinlich Rupi Kaur, deren Lyrikband Milk and Honey sich über 2,5 Millionen Mal verkauft hat. Ihre kurzen Texte veröffentlichte sie ab 2013 zuerst auf Tumblr, dann wechselte sie mit ihren kurzzeiligen Gedichten, meist von einer Zeichnung begleitet, zu Instagram. Kaur lebt in Kanada und schreibt über Freundschaft, Körper, Gewalt, Trauma. Die New York Times nennt sie und andere „Instapoets“ die wichtigsten Lyriker unserer Zeit, trotz der Kritik, deren Texte seien meist banal und naiv. Denn sie erreichten mit ihren „aphoristischen, konfessionellen und inspirierenden Versen“ Menschen, die sonst nie Lyrik lesen.[6]Toan Nguyen von der Werbeagentur Jung von Matt begründet den Erfolg von Instapoetry in der „emotionalen Teilhabe“, die bei Instagram ausgelöst werde; die Leser fühlten sich für die Kanäle, denen sie folgen, mitverantwortlich. [7]

Wenn das Publizieren nur einen „Klick“ braucht, schafft es einen unhierarchischen Zugang zu Leserinnen; keine Verlegerin, kein Chefredakteur muss gefragt werden. Neue Stimmen können hörbar werden. Das ist Demokratisierung der Produktionsmittel im Marxschen Sinne. Seit 2005 gibt es Twitter mit mittlerweile 330 Millionen Nutzern, seit 2004 Facebook mit mittlerweile 2,2 Milliarden Nutzern, seit 2010 Instagram mit mittlerweile 1 Milliarde Nutzern. Es ist nur schlüssig, dass dort auch Plattform-Literatur entsteht. Und meist, wenn die Algorithmen aufmerksam werden, wenn die Likes wachsen, verlassen diese Literaturen ihre Plattformen und werden Buch, Podcast, Veranstaltung, Interview. Der Leipziger Philosoph und Autor Jan Kuhlbrodt empfindet ein „Glücksgefühl“, wenn Texte im Netz „Erkenntnis“ vermitteln: eine sehr klare Definition von Literarizität. „Vielleicht war es schon immer so“, schreibt er in seinem Essay Über die kleine Form weiter, „das Netz schon immer vorhanden; lag unbemerkt über den Dingen und hat sich mit dem Computer und dessen Zusammenschluss mit anderen Computern erst realisiert.“ [8] In der Plattform-Literatur wird das Vernetzte des Einzelnen mit der Welt sichtbar. Nochmal Puneh Ansari: „Der Hauptunterschied ist dass ich auf fb alles mögliche schreib was im Moment ist und beim SchreibenSchreiben eben setzt man sich hin und schreibt was.“

 

#hunderthjahreinternet

jetzt wo ich in der verbannung lebe

auf einem schottischen moosfels

auf einem orgelwachturm aus kupfer

und kein fernseher mehr da

ist, die selbstmisshandlung durch

den internetkonsum zu betäuben,

in der betäubung dem bewussten zu

entwenden und in den unbewussten

schlund der magengrube wegzusperren,

ist diese sofakonstellation

mit dem tvschrein obsolet geworden.

ich könnte das sofa umstellen,

noch ohrensessel und fauteuils hinstellen

und einen salon machen

wo sich die elite trifft und über die

geschehnisse des fernsehens diskutiert

in legendären abenden voller

urbaner mythen bei brötchen und

absinth. oder lesekreise oder malkreise,

bastelkreise, internetzirkel,

mondmessen, und so etwas.

fin de siecle II

 

Hashtag-Literatur

Eine der faszinierendsten Funktionsweisen am heutigen Internet ist, dass jeder seine eigenen Inhalte selbst verschlagworten, also indexieren kann. Wer dies tut, ermöglicht es sich und den Usern/Leserinnen, sie in der Masse der Inhalte anhand dieses Schlagwortes leichter aufzufinden — und sich diesen Schlagworten mit eigenen Meinungen und Ergänzungen anzuschließen, den Text zu kollektivieren. Der Hashtag vereinfacht also das kollaborative Schreiben und Lesen sowie eine individuelle Archivierung. Er ist Störung, weil er oft auch sehr kryptisch wirkt oder verkürzt wird, oder auch komisch, ein Sprachspiel in sich selbst. Gleichzeitig dient der Hashtag als Kleber und Konnex für das gemeinsame Weiterspinnen von Gedanken, Textfragmenten, Themen.

Eine der Vorreiterinnen der deutschsprachigen Hashtag-Literatur ist die Verlegerin Christiane Frohmann. Sie verlegt nicht nur neue digitale Literaturen, sondern schreibt unter dem Twitter-Kanal @PGexplaining  feministisch über gesellschaftliche, politische, literaturbetriebliche Themen, auch über Missverständnisse des Digitalen. Dazu bedient sie sich etwa der viktorianischen Gemälde der Präraffaeliten und verbindet deren schon historische Bildkraft mit kurzen wiedererkennbar kämpferischen Statements, auch und immer die digitale Bedingung mitreflektierend. Die „schöne Leiche“, so Frohmann, „hart am Kitsch“, schaue nämlich immer „leicht genervt“, so dass sich hier eine kritische Distanz zum männlichen Blick vermittelt.

Die Störung besteht hier in der Reinterpretation von männlichen Kunstwerken und in der Text-Bild-Schere, einem Mittel der Meme-Kultur. Viele der Bildunterschriften sind dialogisch gehalten, das heißt, die Girls werden etwas gefragt und antworten. Die Präraffaelitischen Girls sind hier nicht nur ein sprachliches, sondern schon ein visueller Hashtag. Sie sind nicht mehr stumme, blasse, halbnackte Anschauungsobjekte. Sie halten — digitale — Widerrede. Hashtag-Literatur erweitert das Genre der seriellen Literaturen. Das Serielle eignet sich gut zur Vervielfältigung in anderen Medien, etwa auf Papier. Damit verweist die Hashtag-Literatur bereits auf das Post-Digitale als Möglichkeit, ohne es explizit zu fordern. [9]Mittlerweile gibt es die Präraffaelitische Girls erklären das Internet natürlich schon als Buch, und sie wurden auch schon ins Englische übersetzt.

 

„Präraffaelitische Girls, was

ist eigentlich ‚digitale Literatur’?“

„Digitale Literatur ist Literatur,

die von Menschen unter digitalen

Bedingungen produziert wird

und dies mediiert.“

 

Auch ein Chat auf einer Dating-App kann, mit einem Hashtag versehen, zu einem literarischen Dokument werden: auf der Plattform Jodel wurde #ichwillihnberuehren zu einer digitalen Romanze, die mit folgendem Status begann:

Ich (m) habe mich in einen Kumpel verliebt und jetzt liegt er in Boxershorts neben mir im Bett.

Sollte er sich offenbaren? Ja oder nicht? Mithilfe des Hashtags verfolgten die Jodel-Nutzer quasi live den Beginn einer Lovestory, welche dann ein happy ending hatte und später als Buch erschien. [10]

 

Code- und Bot-Literatur

 

Eugene Kudashev, „writer, artist, person“ wartet auf mindestens 50 Abonnenten, bevor er einen Newsletter startet. Auf seiner Website steht (ich übersetze aus dem Englischen): „Warum eine E-Mail? Warum noch ein Newsletter? Nun, anscheinend ist dies die einzige Möglichkeit, die algorithmische Zensur zu umgehen: Alle sozialen Netzwerke präsentieren Inhalte in einem Feed, und man kann nicht wissen, was genau vor ihnen verborgen bleibt und wer genau was sieht, was zumindest sehr ärgerlich ist. Also bleibt erstmal nur die E-Mail, bis wir zu einem besseren Internet kommen.“ [11]Widerstand im Netz durch Newsletter, das wirkt konservativ, ist aber sehr naheliegend — konsequenterweise vom eigenen oder Großkonzern unabhängigen Server abgeschickt und nicht von Googlemail.

Widerstand kann man auch leisten, indem man seine eigenen Algorithmen schreibt. Das tat Eugene Kudashev ebenso: Die von ihm programmierte Webseite rupi or not  schlägt automatisch generierte Gedichtzeilen und von der Dichterin Kaur geschriebene Verse vor, und man soll im Browser erraten, von wem sie stammen. Kudashev hat die „falschen“ Rupi-Gedichte wiederum nicht selbst generiert, sondern bedient sich bei dem Rupi-Kaur-Generator von Albert Xu.

Denn auch wenn der Bot den Robot in sich trägt, diese menschengleiche, doch non-humanoide Gestalt, ist er nicht ohne menschliches Zutun entstanden. Er beruht auf Schrift, Sprache, Programmierung: Mensch/en mussten ihn und seine Textauswahl-Konzepte eingeben, festlegen, entscheiden. Solches tut in Deutschland etwa das Kollektiv 0x0a, bestehend aus Hannes Bajohr und Gregor Weichbrodt. Sie schreiben Softwareprogramme, die einen thematischen Textkorpus nach einer bestimmten Regel absuchen. Daraus wird ein neuer Text generiert und sortiert, Sprache wird deterritorialisiert. Diese konzeptuelle digitale Literatur macht die in Sprachsammlungen zugrunde liegenden Ordnungen sichtbar und verdichtet diese. Die angewandte Sortierung ist als Konzept Teil dieser Bot-Literatur. So entsteht eine aufklärerische Literatur, die digital ist, weil sie auf digital verfügbaren Textsammlungen (auch ganzen literarischen Werken) und auf Code basiert.

Der Text Wendekorpus von 0x0a, zuerst in der Literaturzeitschrift EDIT erschienen, benutzt beispielsweise das folgende dem Text dazugestellte Verfahren: „Die aus 3,23 Millionen Einträgen bestehenden Wendekorpora West+Ost des Deutschen Referenzkorpus (DeReKo-2013-II) mit Cosmas II 3.11 nach mit ‚wir’ beginnenden Sätzen von exakt sechs Wörtern Länge durchsucht; Fragmente entfernt, alphabetisch sortiert.“ Ein Auszug:

wir wollen gleiches recht für alle
wir wollen ihn mit allen gehen
wir wollen jetzt keine panik erzeugen
wir wollen nicht kneifen, sondern kämpfen
wir wollen nicht länger seiltänzer sein
wir wollen nicht ohne gedächtnis leben
wir wollen recht und keine rache!
wir wollen recht und nicht rache!
wir wollen, daß unser land gesundet
wir wollten keine leere worthülse verwenden
wir wollten nicht in verruf geraten
wir wollten nur das alte stürzen
wir wollten so sehr geliebt werden
wir wurden oft nicht ernst genommen
wir wußten nicht, wo es hingeht
wir zücken stifte, stellen aufnahmegeräte an

Dieser Text ist als klar Gedicht erkennbar: gleich lange  Zeilen, die mit einer Anapher, einem gemeinsamen Klang beginnen. Allerdings sprengt dieses Gedicht den Umfang der meisten heutigen Gedichte und verweist damit auch auf das Genre des poetischen Essays oder gar einer  ultralangen kollektiven Parole für eine fiktive Demo. Durch seinen Umfang und die vielen „wirs“ hinterfragt der Wendekorpus aber auch gleich das Kollektive wieder. Er enthält nicht nur den ausgelesenen Metatext des Programmskripts, sondern auch die Vielstimmigkeit des vorliegenden Textkorpus, also „Textsendungen“ anderer Autorinnen, eines anonymisierten Wirs. Das ist keine Spielerei, sondern ein Erkenntnismoment, der unsere Wahrnehmung der Wende als einer „Wir sind das Volk“-Wende hinterfragt. Denn das Volk spricht vielleicht mit einem Wir, aber es hat nicht nur eine Stimme.

Günter Vallaster weist in einer Besprechung des Buches datenpoesie des österreichischen Code-Künstlers Jörg Piringer darauf hin, dass die Code Poetry Szene noch relativ klein sei, „aber sehr aktiv und miteinander vernetzt“.

Als weitere Vertreter, neben Piringer und 0x0a, nennt er Nick Montfort, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Digital Media lehrt, Zuzana Husárová und Richard Kitta in der Slowakei. In Wien findet  2019 bereits zum vierten Mal der Code Poetry Slam statt, der viele einzelne Vertreter dieser Literatur vorstellt und so definiert: „Code Poetry ist in erster Linie, was ihr daraus macht: Von Gedichten, die in Pseudoprogrammiersprachen verfasst sind, bis zu Oden in C++, von Spoken Word Texten in Maschinensprache bis hin zu ausführbaren Shell Scripts, die euren Laptop in W.B. Yeats verwandeln – das alles und noch viel mehr kann Code Poetry sein. Wir wollen eine Schnittstelle zwischen Sprachen auf allen Ebenen schaffen, neuartige Ansätze in der Verschmelzung von Literatur und Technik.“ [12]

Auch in dem von Andreas Bülhoff online herausgegebenen, kostenlos downloadbaren PDF-Zine sync versammelt sich eine Szene, die die Reflexion über das Analoge in die digitalen Reflexionen mit einbezieht. Bülhoff schrieb mir einem E-Mail-Interview: „Seit 2018 habe ich 50 zines publiziert, in denen ich mich mit Text unter postdigitalen Bedingungen beschäftigt habe. Also wie sich Lesen, Schreiben und Textdarstellungen durch den Wechsel zwischen analog und digital verändern, welche Standards wirken und welche Potentiale dabei freigesetzt werden können. Manche der zines funktionieren nur digital und verlieren Effekte durch das Ausdrucken z.B. Void, bei dem weißer Text im PDF markiert werden kann und dadurch lesbar wird, andere werden erst in Druck und Broschürenbindung sinnvoll, z.B. Print, das sich mit unsichtbaren Farbcodes beschäftigt, die Drucker als Markierung auf Ausdrucken hinterlassen oder Sort, das sich mit dem Verhältnis von richtiger und falscher Seitensortierung im Broschürendruck auseinandersetzt. Die Beiträge reichen von eher klassischen Gedichten über konzeptuelle oder visuelle Arbeiten, Codepoetry oder selbstreflexive Essays. Besonders letztere waren mir wichtig in das Projekt zu integrieren, weil sync durch den kurz getakteten Publikationsrhythmus sehr eng mit meinem Leben verzahnt ist. (Ich habe zines im Zug gemacht, auf der Couch bei Freunden, in der Bibliothek, am Schreibtisch, vor und nach dem Zähneputzen, mit oder ohne Kater, übermüdet und hastig oder überlegt und mit langem konzeptuellen Vorlauf.)“

Diese Kurzdarstellung des Publikationskonzeptes zeigt, wie verzahnt digitale Prozesse mittlerweile untereinander und mit analogen Techniken sind. Wie Störungen sichtbar werden und wie auch ein PDF eine vernetzte, teilbare Sendung wird. Und wie das Digitale mit dem Analogen in Korrespondenz tritt.

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In seinem wichtigen Essay was wird literatur? was wird poesie? gibt Piringer einen sprach- und gesellschaftskritischen Ausblick, auf die daten- und programmbasierten Literaturen der Zukunft und ihre Rolle: „die poetinnen der kommenden jahre werden nicht zusehen und konzernen die hoheit über die sprachalgorithmen überlassen. sie werden für rechenmaschinen schreiben. sie werden die computer umprogrammieren. die spracherkennungssysteme der mobiltelefone hacken. datenpoesie erstellen. big language data cluster pervertieren. sie werden eine dynamische poesie entwerfen. flüssige texte. poesie aus information. poesie aus desinformation.“ [13]

Das heißt: Literarisches Sprechen und Schreiben im digitalen Zeitalter muss die Sprache, Sprachverwendung, Sprachmodi, Programmsprachen von Rechenmaschinen analysieren, hinterfragen, ausstellen. Auf der Webseite von 0x0a findet sich eine andere, ebenso sehr klare Definition von digitaler Literatur: „Die Erfahrung des Digitalen muss kein bloßes Beschreiben sein. Die Erfahrung des Digitalen drückt sich auf anderen Ebenen aus, auf der der Verfertigung, der Distribution, der Iteration, der Kombination, des Immateriellen.“ [14] Digital Schreibende sind also nur ein Bereich dieser digitalen Literatur, aber wahrscheinlich momentan der sichtbarste. Sie schärfen in kollaborativen, störenden Hin- und Hersendungen ihre Argumente und Ästhetiken, wie in einem digitalen Salon.

Der syrische Autor Assaf Alassaf, der unter anderem einen Episodenroman auf Arabisch auf Facebook schrieb, mit dem Hashtag #deliciousgermanviza, auf Deutsch erschienen als Abu Jürgen, nannte die Web-Literatur einmal „literature of democracy“. Damit verweist er auf die Selbstermächtigung, welche die Nutzbarmachung der digitalen Werkzeuge ermöglicht, auch ohne Programmierkenntnisse – und die in vielen Ländern der Welt den Menschen freiheitliche Dienste erweist. Digitale Literatur wird also weiter eine sein, die poetische Gegenrede leistet, in dem sie die digitalen Werkzeuge klug nutzt. Eine kleine, aber mächtige Literatur gegen die antidemokratischen, menschenverachtenden, hetzenden Stimmen im Netz. Vielfalt und Witz und Aufklärungslust werden immer durchdringen. Es wird Zeit, dass diese Literaturformen endlich auch im klassischen Literaturbetrieb, in Buchhandlungen, bei Literaturpreisen, bei Lesungen, Festivals, im Feuilleton, sichtbarer werden.

 

Hinweis: Die AR-Inhalte dieses Artikels können Sie in der gedruckten Ausgabe oder über die issuu-Ausgabe dieses Magazins abrufen.

 

[1] Für die wissenschaftliche Auseinandersetzung zu Konzepten digitaler Literatur ist der Sammelband, herausgegeben von Hannes Bajohr, Code und Konzept. Literatur und das Digitale von 2016, sehr zu empfehlen: https://orbanism.com/produkt/hardcover-code-und-konzept-hannes-bajohr-hg-berlin-frohmann-2016/

[2] Gilles Deleuze, Felix Guattari, Kafka — Fur eine kleine Literatur. Aus dem Franzosischen von Burkhart Kroeber, Frankfurt am Main, 1976.

[3] https://nplusonemag.com/issue-9/the-intellectual-situation/internet-social-movement 

[4] Siehe auch das Gespräch zwischen Miriam Zeh und Marc Degens im Deutschlandfunk Kultur vom 19.8.2019: “Roman kriselt. Autofiktion blüht.”

[5] https://orbanism.com/frohmann/2015/instantanes-schreiben-christiane-frohmann-literaturinstitu-leipzig-20150529/

[6] https://www.nytimes.com/2017/12/15/books/review/rupi-kaur-instapoets.html 

[7] https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/literatur/buchtipps-dieseliteratur-stars-dichten-auf-instagram/24853790.html?nlayer=Panorama-News_11251840&ticket=ST-9401255-NjR9a3sxjVDxf442udtB-ap1  

[8] https://www.mikrotext.de/book/jan-kuhlbrodt-ueber-die-kleine-formschreiben-und-lesen-im-netz 

[9] Siehe etwa die Reihe Kleine Formen mit Sarah Bergers Tinder Shorts oder Birte Lanius’ skurillen Lebensprüfungen K bei Frohmann, die Tiny Tales Auf die Lange kommt es an von Florian Meimberg bei S. Fischer, Hannes Bajohr mit Halbzeug und Clemens Setz mit Bot bei Suhrkamp, die „Twitter-Oma“ Renate Bergmann bei Rowohlt, das von Kathrin Passig herausgegebene Techniktagebuch, die neue Reihe Autofiktionen bei Sukultur, die Arbeit des Verlags edition taberna kritika in der Schweiz oder die PlattformAutoren und -Autorinnen in meinem Verlag mikrotext. Wenn Sie weitere wichtige Verlage und Titel kennen, lassen Sie sie mir gerne zukommen.

[10] https://ichwillihnberuehren.de

[11] https://eugenekudashev.typeform.com/to/qF2d5A  

[12] https://codepoetry.at

[13] http://www.literaturhaus-graz.at/joerg-piringer-was-wird-literatur-was-wird-poesie/

[14] Bot-Literatur ist natürlich noch viel umfassender: Erste Weiterlektüren wären z.B. Ulf Stolterfoht mit Ammengespräche, ein sprachphilosophisches Gespräch mit einem Chatbot, Mara Genschel, die für cute gedanken Gedichte auf dem Handy schrieb und das Texterkennungssystem T9 mit all seinen falschen Vorschlägen und dem langsamen Lernen die Texte mitverfassen ließ, beide bei roughbooks erschienen. Auf Twitter sorgen Twitterbots für literarische Störungen, etwa der @magicrealismbot, @str_voyage, @sosweetbot, @wievergleich. Interaktive Haiku Generatoren oder auch der Googlism-Bot lassen den Nutzer selbst über die Verwendung eines vorprogrammierten Textanalysetools Gedichte verfassen.

Nikola Richter

Nikola Richter ist Verlegerin und Autorin. Sie lebt in Berlin. Mit ihrem unabhängigen Verlag mikrotext, einer der Preisträger des Deutschen Verlagspreis 2019, veröffentlicht sie neue Narrative und Texte mit Haltung und betreibt einen digitalen, literarischen Freundeskreis.