Ein überdimensionierter Zellhaufen fliegt durch den Wald. Samen durchbrechen die Membran, die die pulsierende Kreatur vor dem Außen schützt. Poppig bunte Slogan-Poster scheinen sich in den White Cube verirrt zu haben. Absurde Satzkonstruktionen flimmern über die Außenfassade des Kunsthauses Graz. Tristan Schulzes künstlerische Praxis ist so vielfältig wie deren Präsentationsformen. Während in BIOMACHINE I ein von Algorithmen generiertes amorphes Wesen auf der Oberfläche des digitalen Endgerätes zerplatzt — unweigerlich denkt man da an Pokémon Go — scannte er für BITE die Werke von mit ihm gemeinsam ausstellenden Künstlern zu neuen Plakat-Ästhetiken, die über Monitore laufen. Autor der sie mittig zierenden Claims wie „YOU ARE LOST“, „SAVED MY LIFE“ oder „FEEL IT HEAVY“ ist eine künstliche Intelligenz, die darauf trainiert wurde, die gesampelten Grafiken möglichst treffend zu beschreiben. Der Wortschatz des Algorithmus speist sich wiederum aus Kommentaren und Beschreibungen zeitgenössischer Kunst in sozialen Netzwerken.

Sein autodidaktisch angeeignetes technisches Know-how verbindet der diplomierte Interaktionsdesigner auf den ersten Blick vor allem spielerisch mit der Kunstwelt. Aus seinen Arbeiten spricht die Freude am Programmieren, am Experimentieren mit den Möglichkeiten von Algorithmen, KI (künstliche Intelligenz) und AR (Augmented Reality). Die Endprodukte sind nicht zwangsläufig digital: Für die Reihe Tapestry trainierte er eine KI darauf, traditionelle Web- und Knüpfmuster auszuführen und individuell zu interpretieren. Grundlage bildeten Teppiche verschiedener Herkunft und Alter. Die Muster aus Persien, China, Europa und Indien interpretierte die KI zu eigenen Entwürfen. Die Ergebnisse zeugen deutlich vom technischen Prozess: Während die menschliche Hand in der Lage ist, flexibel mit Webund Strickmustern umzugehen, um ihnen je nach Fadenverlauf die nötige Festigkeit zu geben, sind die KI-produzierten Textilien deutlich instabiler, dabei ästhetisch ansprechend.

„Das Medium ist die Botschaft.“ „The medium is the message.” Marshall McLuhans so gern zitierte These, dass die Medien selbst auf unsere Sinne einwirken, bevor wir die vermittelten Inhalte überhaupt wahrnehmen, ist ein Schlüssel zu den Werken Schulzes. Denn neben der thematischen Auseinandersetzung, etwa mit Fragen nach der Beziehung von Mensch und Umwelt, Autorschaft und Urheberrecht, künstlerischer Aneignung und der Überlieferung traditioneller Kulturtechniken wie dem Weben und Stricken, ist bei ihm immer auch eine subversive Kritik am unzureichend kritischen Umgang mit dem technischen Fortschritt ablesbar, wenn auch nicht explizit ausformuliert.

Am deutlichsten wird die Dialektik von der Freude am Technikexperiment und der Kritik am Unkritischen in der Arbeit {Ghost}, einem Projekt zur Maschinenintelligenz, realisiert 2017 für das Kunsthaus Graz und initiiert von dessen Leiterin Barbara Steiner: Besucher konnten über ihr Smartphone mit einer digitalen Maschine in Dialog treten. Der Wortschatz des künstlichen Gehirns (artificial neuronal network) wurde aus veröffentlichten Texten des Kunsthauses — Pressemitteilungen, Social-Media-Beiträgen und Katalogtexten — generiert. Angefüttert mit diesem Wissen war die Maschine in der Lage, eigene Sätze oder Binsenwahrheiten (Truismen) zu produzieren: „I can feel it“, „Youth is Sex“, „Feelings is inverted Zeitgeist“

Schließlich waren es die Besucher, die darüber entschieden haben, ob diese Sätze über die Fassade des Kunsthauses laufen sollten, die durch integrierte Lichtelemente als Bildschirm nutzbar ist und deren einzigartige amorph gewölbte Form gleich den Werbescreens am New Yorker Times Square die Aufmerksamkeit bindet. Auch inhaltlich fragwürdige Absurditäten wie „Are you annoyed of Standard?“ oder „Product is Fascism“ wurden freigegeben und waren weithin im Stadtraum lesbar.

Tristan Schulze macht nicht nur Kunst, die unsere digitale Realität reflektiert. Er bedient sich dafür der Mittel und Methoden dieser Parallelwelt, deren Potentiale wie Gefahren sich bisher den wenigsten erschließen. „Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen die Werkzeuge uns“, formulierte McLuhan 1967.

Dem neuesten Werk SUPER_ID, das eigens für dieses Magazin entwickelt wurde, ist dies genuin eingeschrieben: An der Schnittstelle von Kunst und Technologie verhandelt Schulze im Medium App das Thema Identität in der digitalisierten Welt. Mit seiner App SUPER_ID können Nutzer eine eigene „Superidentität“ in Form einer Maske kreieren, die in Echtzeit auf Mimik und Stimme reagiert. Die Maske verschlüsselt diese biometrischen Daten und wird zum ästhetischen Digital-Accessoire, das danach fragt, wie wir uns künftig im digitalen Raum repräsentieren wollen.

Tristan Schulze versteht sich als Designer, Künstler und Dozent. Als künstlerischer Mitarbeiter lehrt er im Bereich Multimedia / Virtual Reality an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Ausstellungen und Projekte führten ihn in den vergangenen Jahren auch ans KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin, ans Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe, in die ACC Galerie Weimar oder die Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig.

Seine Freude am künstlerischen Tun, am technisches Experiment, sie äußert sich auch ganz analog: Im Januar 2017 bezog er für eine Woche den Raum für drastische Maßnahmen e.V. in Berlin. Abgesehen von festen Pausenzeiten lebte und arbeitete er 24/7 darin, schlief in einem Campingzelt und war den neugierigen Blicken der Vorbeieilenden ausgeliefert. Vergleichbar einem menschlichen Algorithmus hatte er sich Regeln für das Erstellen einer Wandzeichnung auferlegt: Unterschiedliche Sequenzen entschieden über Strichlänge und Größe von Häufungen, Abstände und schließlich über die Komposition. Schulze übernahm als zeichnender Körper die Rolle eines programmierten Agenten und arbeitete nach dessen Regelwerk, geprägt auch von Fehlern und Improvisation.

Ob analog oder digital, Tristan Schulze appelliert an einen experimentierfreudigen wie reflektiert-kritischen Umgang mit Algorithmen, KI und AR, die in naher Zukunft unseren Alltag und unsere Körper durchdringen werden, wie es Apps und E-Mails heute schon selbstverständlich tun. Wollen wir das? Und wenn ja, in welcher Form? Mit seinen Werken gehört Schulze im wahrsten Wortsinn zur Avantgarde, zu den Vorkämpfern einer geistigen Entwicklung, die vor der zeitgenössischen Kunst nicht Halt macht und Rezipienten, Kuratorinnen und Kritiker ebenso vor Herausforderungen im Hinblick auf technische, ästhetische und inhaltliche Aspekte stellt, wie es die Videokunst in den 1970er Jahren getan hat.

 

Hinweis: Die AR-Inhalte dieses Artikels können Sie in der gedruckten Ausgabe oder über die issuu-Ausgabe dieses Magazins abrufen.

Sarah Alberti

Sarah Albertilebt als Kunsthistorikerin und Journalistin in Leipzig. Als freie Autorin schreibt sie u.a. für das Magazin Monopol sowie für taz, Der Freitag, Freie Presse und Sächsische Zeitung.