Wir beobachten, dass viele westliche Kulturinstitutionen und deren Förderer versuchen, ihrer eigenen eurozentrischen Perspektive zu entkommen, indem sie Künstlerinnen und künstlerischen Bewegungen, die im Kunstdiskurs des Westens bislang kaum bekannt sind, „eine Stimme geben“. Inwieweit kann dieser Versuch Ihrer Meinung nach überhaupt gelingen, wenn diese Institutionen selbst „Gatekeeper“ sind (und damit beeinflussen, wer gesehen, gehört oder gelesen werden kann)?

María Berríos: Das Problem ist, und zwar schon sehr lange, die erdrückende Dominanz der Stimmen, die tatsächlich glauben, dass es ihnen zusteht und sie die Macht dazu haben, „anderen eine Stimme zu geben“. Selbstgewisse Stimmen, die versichern, dass sie die richtigen Fragen kennen und das Vokabular beherrschen, mit dem sich die dringlichsten Probleme formulieren lassen. Eine Extremversion davon sind Diskurse, die behaupten, sich der inhärenten Unmöglichkeit, anderen eine Stimme zu geben, vollkommen bewusst zu sein: Sie versichern, dass die Institutionen, für die sie sprechen, im Kern eurozentrisch seien und es daher keine andere Möglichkeit gäbe, als kleinere Zugeständnisse zu machen und ansonsten einfach so weiterzumachen. Doch wenn wir diese Institutionen nicht verlassen oder dichtmachen, ist es das Mindeste, auf strukturelle Veränderungen zu drängen. Wer auch immer von uns in diesen Institutionen arbeitet, mit ihnen zusammenarbeitet oder einfach nur mit ihnen interagiert, sollte sich dieser Verantwortung unter allen Umständen bewusst sein.

Das gilt umso mehr für diejenigen von uns, die aus jenen Kontexten kommen, die für solche Kulturinstitutionen vorübergehend attraktiv geworden sind. Wir müssen bei ihnen gar nicht angestellt sein, um ihre Methoden zu befördern: Wenn wir unsere Forschung öffentlich machen, wenn wir unsere Arbeiten, die aus diesen „kaum bekannten“ Praktiken (in ihrer Umgebung sind sie ja durchaus bekannt und relevant) hervorgehen oder sich mit ihnen beschäftigen, ausstellen und veröffentlichen, stellen wir diesen Institutionen bereits billige Neuerwerbungen und Archive zur Verfügung, die sie nur anzapfen müssen.

Oftmals wird kulturelle Produktion aus jenen prekären Kontexten, in denen sie lebendig verortet ist, in die Schatzkammern und Ausstellungsräume der nördlichen Hemisphäre im Namen der Unterstützung dieser Produktion verfrachtet. Vor ein paar Jahrzehnten haben uns feministische Wissenschaftlerinnen gelehrt, dass Sichtbarkeit keineswegs gleichbedeutend mit automatischer Ermächtigung ist. Diejenigen, die diese „kaum bekannten“ Geschichten weitertragen und erzählen, sind an diesen Entwicklungen nicht unbeteiligt und müssen sich dafür auch verantworten. Es ist von grundlegender Bedeutung, dass sie dafür sorgen, dass diese Geschichten auch weiterhin in ihrem ursprünglichen Kontext erzählt werden können, wo sie gebraucht werden und ihre Wirkung entfalten.

 

Stehen die Ideen der europäischen Aufklärung und der mit ihr verbundene Liberalismus der Dekolonialisierung der Welt entgegen? Ist die Dekolonialisierung nicht selbst ein hegemoniales Projekt?

Auf dem Kulturkongress von Havanna 1968, der für Kulturschaffende und Intellektuelle aus der „Dritten Welt“ gedacht war, um dort eine gemeinsame Sprache für ihre Situation und Probleme zu entwickeln, zeigte eine junge Gruppe kubanischer Revolutionäre eine groß angelegte Ausstellung über Kolonialismus und Revolution, die sie Of The Third World nannten. Sie gingen davon aus, dass für die Demontage des imperialen Kolonialismus jedes Mittel erlaubt sei und dass die verhängnisvollste koloniale Strategie darin bestehe, die Leute glauben zu machen, dass selbst ihre persönlichsten Ideen nicht wirklich ihre eigenen wären. Der Kolonialismus ist nicht einfach Geschichte, sondern eine sehr gegenwärtige Haltung ständiger Enteignung. Er wird immer Besitzansprüche erheben, insbesondere gegenüber denen, die versuchen, ihn zu bekämpfen.

 

Welche Rolle spielen kulturelle Identität und Kultur in Emanzipationsbewegungen von kolonialen Machtsystemen?

Der Kampf gegen den Kolonialismus, in seinen vielfältigen zeitgenössischen Formen, ist Kultur. Der Kampf gegen die rassistischen Regimes des patriarchalischen Kapitalismus und ihre Polizei ist eine sehr starke und mächtige Kultur, wie man an Aufständen an vielen Orten mit „kaum bekannter Geschichte“ sehen kann. Kultur und Kunst sind weltliche Angelegenheiten, und sie beziehen ihre Macht aus der Aufmerksamkeit für die Welt um sie herum.

 

Könnte Solidarität zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen den globalen Zusammenhalt fördern? Woraus könnte sie, Ihrer Meinung nach, in der Zukunft am wahrscheinlichsten erwachsen?

Ich weiß nicht, was die Quellen der Zukunft sein könnten, aber die Solidarität, die mir gegenwärtig nützlich und schön erscheint, ist eine Solidarität von Fragilitäten. Etymologisch gesehen bedeutet Solidarität, ganz zu werden, fest zu werden. Aber was passiert, wenn wir uns gar nicht so stark fühlen, wenn viele das Gefühl haben, sich kaum auf den eigenen Beinen halten zu können? Deshalb ist die Solidarität, die wir derzeit benötigen, für mich nicht der Gedanke, gemeinsam stark zu werden, sondern eine Art emanzipatorische Solidarität der Fragilitäten. Eine Armee von weichen Körpern, im Kampf vereint.

 

Die Fragen stellten Friederike Tappe-Hornbostel und Anja Piske.
Aus dem Englischen von Cornelius Reiber.

María Berríos

María Berríos, 1978 in Santiago de Chile geboren, ist Soziologin, Autorin, unabhängige Kuratorin und Mitbegründerin des chilenischen Redaktionskollektivs vaticanochico. Sie arbeitet an den Schnittstellen von Kunst, Kultur und Politik, mit besonderem Interesse an den gemeinschaftlichen Experimenten der „Dritte-Welt-Bewegung“ und den daraus hervorgegangenen Ausstellungsformaten der 1960er und 1970er Jahre. Berríos hat umfangreich über Kunst und Politik – vor allem in Lateinamerika, aber auch dar über hinaus – publiziert. Gemeinsam mit Renata Cervetto, Lisette Lagnado und Agustín Pérez Rubio kuratiert María Berríos die 11. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst.