Während der Erste Weltkrieg sich dahinschleppte, entstanden zur Unterstützung der Truppen in den Schützengräben alle möglichen Frauenhilfsvereine: zum Bandagen aufwickeln, Konservenpakete schnüren, Stricken. Meine Großmutter trat einer Strickgruppe im ländlichen Nova Scotia bei. Begonnen wurde mit Waschlappen, dann kamen Schals; und wer ausreichend versiert war, ging zu Sturmmützen und Socken und irgendwann schließlich — als Höhepunkt! — zu Handschuhen über. Meine Großmutter war im Stricken eine Null. Weiter als Waschlappen kam sie nicht.

Diese Strickkreise haben mich oft beschäftigt. Wozu waren sie wirklich gut? Stellten sie dringend gebrauchte Strickwaren her oder hoben sie die Moral, indem sie einem Haufen andernfalls sehr besorgter Zivilistinnen, deren Söhne und Männer in Gefahr waren, etwas Handfestes zu tun gaben beim Warten, Warten und nochmals Warten? Dass es die Socken und Handschuhe bis an die Front schafften, kann ich mir gerade noch vorstellen, aber die Waschlappen? Fotos vom schlammigen, beengten, beschissenen Leben in den Schützengräben weisen auf wenig Waschen hin. Und was die windschiefen, löchrigen Waschlappen meiner Großmutter angeht — wurden sie in ein geheimes Warenlager gebracht und aufgeräufelt, die Wolle für Zweckmäßigeres wiederverwertet? Im Sinne dieser großmütterlichen Waschlappen also — die am Ende vielleicht unnütz waren, aber hoffentlich für Konzentration und Erfolgserlebnisse sorgten — stelle ich hier ein paar meiner abstruseren häuslichen Isolierungsaktivitäten vor. Einige können Sie nachmachen. Ob Sie’s wollen, ist eine andere Frage.

Nicht der Rede wert sind das Sortieren von Fotos, das Entsorgen alter Unterlagen, das Wühlen in Truhen und die Verwunderung über einige der dort gefundenen Dinge — wozu habe ich das denn aufgehoben, und was genau ist es? — oder die Briefe von Jugendfreunden, die längst verblichen sind oder kahl. Ich vermute, etwas in dieser Art machen wir alle. Oder das Gärtnern, was ohnehin passiert wäre. Oder das Backen, eine Tätigkeit, die ich früher, als ich noch Teenager im Haus hatte, im industriellen Ausmaß betrieben habe und zu der ich versuchsweise zurückgekehrt bin. Stattdessen geht es übergangslos zu den Trocknerflusen, Eierkartons und Kerzenstümpfen. Was soll das Zeug auf der Müllhalde, wenn man daraus Feueranzünder basteln kann? Gelernt habe ich diese Methode von einer Gruppe Buschpilotinnen, die mich damals in den 1990ern in Whitehorse, im Yukon, zum Frühstück eingeladen haben. Seitdem mache ich sie nur noch selbst. Unter gewissen weniger anspruchsvollen Familienmitgliedern sind sie als Geschenk zu den Feiertagen sehr beliebt.

Und so geht’s: Sammeln Sie die Flusen aus dem Flusensieb Ihres Trockners. Sammeln Sie Eierkartons, diejenigen aus Pappe. Sammeln Sie Kerzenstümpfe. Stopfen Sie die Flusen in die Vertiefungen der Eierkartons. Schmelzen Sie die Kerzenstümpfe in einem eigens dafür vorgesehenen Metallbehälter, den Sie in einen größeren Topf mit kochendem Wasser stellen. Nicht über der offenen Flamme schmelzen. Gießen Sie das geschmolzene Wachs über die Flusen. Das hart gewordene Wachs in Würfel schneiden. Um die Buschpilotinnen zu zitieren, die für den Fall eines Flugzeugabsturzes niemals ohne in die spurenlose Wildnis starteten: „Echte Knaller, diese Dinger!“.

Eine andere Aktivität, der ich mich in letzter Zeit gewidmet habe, ist die Eichhörnchenabwehr. Hören Sie ein nagendes Geräusch auf dem Dachboden? Sie haben folgende Optionen in diesen Breiten: Waschbär, Opossum, Ratte, Eichhörnchen, Google Earth. Wahrscheinlich Eichhörnchen, dachte ich, und so war es auch. Erst wehrte ich sie ab, indem ich direkt unter ihrer Nagestation Hot Jazz und Acid Rock aufdrehte, aber sie gewöhnten sich an das Jaulen und Schreien, also kletterte ich auf eine Leiter, hielt eine große stählerne Schüssel gegen die Decke und trommelte mit einem dicken metallenen Servierlöffel dagegen. Ja, ich weiß, ich hätte das nicht allein tun dürfen, dazu noch nachts — die jüngere Generation wird schimpfen, wenn sie das hier liest —, denn Leute in meinem Alter fallen gern von der Leiter und brechen sich das Genick, vor allem, wenn sie sich nicht festhalten, weil sie zum Schüsseltrommeln beide Hände brauchen. Ich mach’s nie wieder, versprochen. (Bis zum nächsten Mal.)

Nachdem endlich die Öffnung vom Dachdecker ausfindig gemacht worden war — Dachdecker können gerne bei mir ihrer Arbeit nachgehen, solange sie draußen bleiben —, war ich in der Lage, aus dem Fenster zu klettern und auf einen flachen Teil des Daches zu gelangen, um die Öffnung mit Chilipulver zu verstopfen. (Erneutes Händeringen vonseiten der jüngeren Generation, die immer wieder sagte: „Lass mich das doch machen!“, worauf ich entgegnete: „Du bist zu groß!“. Es war wirklich so — dank der Nachkriegs-Futterschwemme der 1950er neigt die jüngere Generation zu mehr Höhe —, aber immerhin half sie mir mittels einer zweiten Leiter wieder ins Haus. Sie haben lange Arme.) Das war’s mit dem Genage. Versuchen Sie das nicht selber. Es ist keine Empfehlung. (Verrückte alte Großmütter werden es trotzdem tun. Ich kann sie nicht aufhalten — und Sie auch nicht.)

Keine Sorge. Der Schädlingsmann kam und sperrte die Eichhörnchen aus. Auch Schädlingsmänner (oder -frauen) können gerne bei mir ihrer Arbeit nachgehen, solange sie draußen bleiben.

Damit vertreibe ich mir also die Zeit. Aber jetzt wird’s ernst: die kontaktfreien Veranstaltungen. Diese vermehren sich zurzeit wie die Mäuse, da die ursprünglich analog gedachten Vorträge, Festivals, Benefizabende und Shows mit leibhaftigen Menschen, die sich zum Feiern und Frohlocken, zum Zechen und Schwatzen, Bespaßen und Beklatschen versammeln, allesamt gestrichen wurden. Ersatz musste her. Livestreams, Videos, Podcasts, Radiointerviews, FaceTime-Events, bei denen man sein Telefon weit vom Gesicht weghalten muss — alles tummelt sich nun im abstürzenden Internet.

Die knallharte Klassizistin Mary Beard, die sich als Expertin für die römische Antike auf Krisen, Katastrophen und Pandemien versteht, bat mich um einen kontaktfreien Beitrag für die „BBC Front Row Late Show“, eine Sendung, die sich normalerweise mit Theater befasst, aus Ermangelung dessen aber gerade nicht kann. „Was Kurzes reicht“, sagte sie, „Hauptsache Seuche.“ Dies weckte den Kraken meiner fernen Vergangenheit — eine Kindheit voll Horrorliteratur, nicht nur das Betty-Crocker-Kochbuch für die perfekte Hausfrau, auch die gesammelten Werke Edgar Allen Poes. Wer hat den nur in die Kinderabteilung der Stadtbücherei reingelassen? Tja, Sexszenen gibt’s bei ihm keine: Das war wahrscheinlich der Grund; und Kinder lieben nichts so sehr wie verwesende Leichen, vor allem solche mit ausgerissenen Zähnen wie in „Berenice“. Ich und „Die Maske des Roten Todes“ haben eine lange gemeinsame Geschichte.

Hinzu kommt meine Jugendkarriere als Puppenspielerin und der Umstand, dass meine kleine Schwester Ruth und ich schon sämtliche Folgen der Krimiserie „Miss Fishers Mysteriöse Mordfällegesehen hatten — Müßiggang ist aller Laster Anfang, wie man weiß. Jedenfalls beschlossen wir, „Die Maske des Roten Todesaufzuführen und nichts zu verwenden, was nicht im Haus vorhanden war. Das alte Weihnachtspapier zum Beispiel und die Dekoschleifen und das Edelstahlbesteck. Prinz Prospero wird von einer Sektflasche gespielt, die Höflinge von Weingläsern und die befestigte Abtei von Messern und Gabeln. Wer braucht schon das West End, wenn „Die Maske des Roten Todesläuft? Amateurtheater vom Feinsten ... das amateurhafter nicht sein konnte.

Dann war da der hastig geplante Start der Büchershow, die jetzt regelmäßig vom National Arts Centre in Ottawa gestreamt werden wird, mit kanadischen Autoren, die an einem der wenigen noch verfügbaren Orte ihre Bücher aus dem Frühjahrsprogramm vorstellen. Meine Gesprächspartnerin war die ehrenwerte Adrienne Clarkson, eine ehemalige Generalgouverneurin von Kanada. Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre waren wir zusammen an der University of Toronto, wobei sie am anglikanischen Trinity College studierte und ich am Victoria College, gegründet von Methodisten. Die hatten Talare, wir hatten Moral. Adrienne und ich studierten aber beide Anglistik — wer hätte also besser zusammengepasst, um eine improvisierte Stunde lang jede Menge Bücher zu besprechen, die wir weder besaßen noch gelesen hatten, aber eventuell Lust hätten zu lesen? Wenn man an der Uni etwas lernt, dann, wie man über Sachen schwafelt, von denen man eigentlich keine Ahnung hat. An irgendeinem Punkt fror meine WLAN-Verbindung ein und ich musste mit hochgehaltenem Gerät signalsuchend durchs Haus rennen. Wie in alten Zeiten.

Was ich noch vor mir habe, ist das Online-Vogelspektakel, ein spaßiger Ersatz für zwei Veranstaltungen, die sonst immer im Mai stattfinden, zur Hauptzeit des Vogelzuges: die Springsong-Feierlichkeiten auf Pelee Island im Lake Erie, einem Rastplatz auf einer der Hauptflugrouten, und das Fest des Pelee Island Bird Observatory, der Vogelberingungs- und Ausbildungsstation daselbst. Wir werden versuchen, alle Highlights dieser beiden Veranstaltungen nachzubilden, einschließlich der Gastautoren des Green-Bird-Rennens  und des Rubber-Chicken-Chors. Da alles auf Facebook live gestreamt werden wird, können Sie, egal wo Sie sind, Ihr eigenes Gummihuhn mitbringen und mitmachen. Ich bin die Dirigentin.

Unterdessen brettert meine Schwester mit ihrer Nähmaschine mit Lichtgeschwindigkeit über den Highway; naja, nicht ganz, aber aufgrund des geringeren Verkehrsaufkommens immerhin schneller als sonst. Ich habe meine eigene uralte Nähmaschine ausgegraben und sobald ich sie geölt habe und wieder weiß, wie sie geht, werden wir Gesichtsmasken für Gesundheitsarbeiter nähen. Ich habe sogar noch etwas Gummiband gefunden, das dieser Tage am Boden knapp ist: Maskennähen scheint momentan zu grassieren. Das Resultat könnte an die Waschlappen meiner Großmutter erinnern — nicht perfekt, windschief, aber gut gemeint. Und hoffentlich auch funktional. Drücken wir die Daumen.

Aus dem Englischen von Monika Baark

Margaret Atwood

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood beschäftigt sich in ihren Werken mit Machtpolitik und Gerechtigkeit. In Atwoods Romanen „Der Report der Magd“ (1987) und dessen Fortsetzung „Die Zeuginnen“ (2019) zeichnet sie Szenarien einer post-apokalyptischen Welt, in der Frauen entmündigt und aus der öffentlichen Sphäre zurückgedrängt werden, und verflechtet hierfür die realpolitische Entwicklung auf dem amerikanischen Kontinent mit Topoi von Science-Fiction. Die aus diesen Romanen hervorgegangene Serienverfilmung wird global rezipiert. Atwood erhielt 2017 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 2019 wurde ihr, gemeinsam mit Bernadine Evaristo, der Booker Prize verliehen.