„Jetzt wird alles anders! Die Krise als Chance!“ Solche recht hemdsärmeligen Versprechen hatten Konjunktur in der ersten Phase der Corona-Pandemie. Nicht zu Unrecht, stand doch dahinter der Wunsch, einer oft unverrückbar erscheinenden Normalität nun einmal unter dem Eindruck ihres Fremdwerdens gegenüber zu treten. Vermeintliche Sachzwänge und Gewohnheitsrechte sollten infrage gestellt werden können und dem Fantasieren von unserer Zukunft, einer durch vorangegangene Krisen eher in Verruf geratenen Betätigung, Zeit eingeräumt werden. Doch gerade der scheinbar günstige Augenblick zeigte als seine Kehrseite die Konsequenz lähmender Überforderung in der Bewältigung einer unüberschaubaren, nicht zuletzt ökonomisch unsicheren Gegenwart. Aber wie lässt sich das Denken von Veränderungen angehen, wenn die Konfrontation mit dem Status quo alle Kräfte einzufordern scheint?

Die Ausgabe 35 des Magazins trägt zur Umschreibung eines solchen Versuchs den Titel umrisse. Umrisse verweisen, im Bild gesprochen, auf die Topografie von etwas Zukünftigem, das sich vielleicht bereits schemenhaft am Horizont erahnen lässt oder das erst aus der Imagination entwickelt und in den ersten Zügen skizziert wird. Grobe Linienführung, undeutliche Konturen, aber auch große, vermessene Würfe — all das gehört im Stadium einer erst umrissenen Idee dazu.

„Was lässt euren von dieser Gegenwart erschlagenen Geist aufleben? Welche dringlichen Wünsche lassen euch aus der akuten Vereinnahmung ausscheren? Was macht euch rasend, was weiterhin hilflos, wenn ihr auf die letzten Wochen und Monate zurückblickt?“ So könnte man das Interesse an einem Austausch paraphrasieren, mit dem wir von den Autorinnen Beiträge erfragt haben. „Und bitte keine vorschnellen Erfolgsgeschichten souveräner Krisenbewältigung — die machen doch in Wahrheit irgendwie mutlos“, hätte man fast noch hinterhergeschoben. Aber nicht nötig.

Die Autoren in dieser Ausgabe unseres Magazins begegneten den Fragen offensiv, indem sie mit ihren Texten skizzierende, unabgeschlossene Denkprozesse teilen. Diese widmen sich oft der Erprobung möglicher Zukünfte, lassen dabei jedoch bewusst erkennbar, wo die gezeichneten Umrisse gedanklich noch keinen klaren Gesamteindruck ergeben. Die Beiträge bewegen sich dabei zwischen konkretem politischen Vorschlag, wissenschaftlicher Analyse notwendiger gesellschaftlicher Veränderungen und ästhetischer Imagination. Die Grenzen von einem Genre zum anderen verwischen sie dabei manchmal absichtsvoll, um den Gedanken freien Lauf zu lassen.

Der Blick in die Geschichte ist für viele Beiträge Grundlage einer Öffnung des Denkens hin zu einer noch kommenden Zeit. „Unser gesellschaftliches Empfinden von Normalität in Hinsicht auf körperliche Unversehrtheit, Macht und Gleichwertigkeit der Rechte aller zeigt eine starke Entwicklungslinie“, sagt die Historikerin und Demokratieforscherin Hedwig Richter im Interview, das die Beiträge dieser Ausgabe beschließt. Ein Plädoyer dafür, Krisen im Kontext der großen Stabilität unserer modernen Demokratiegeschichte einzuordnen und sich eine Fortschreibung von deren emanzipatorischen Grundgedanken zuzutrauen. Eine Perspektive, die Lust auf Zukunft macht.

Doch zunächst stehen Vergangenheit und familiäre Erinnerungsarbeit im Zentrum von Margaret Atwoods Tagebuchessay „Das Leben einer exzentrischen Selbst-Isoliererin“.Dieses zeigt: Jeder versuchsweise Blick in die Zukunft, jeder Wille zur Überwindung einer Krise beginnt in der Geschichte. Weibliche Fürsorge, so erinnert Atwood, hat in Momenten des historischen Ausnahmezustands immer wieder Normalität simuliert und emotionale Schutzräume geboten. Was aber, wenn sie versuchte, dieses ungeschriebene Gesetz zu brechen?

Woher die Kraft für den Akt zur Entgrenzung der Normalität zu nehmen sei, beschreiben sich die Choreografin Florentina Holzinger und die Philosophin Eva von Redecker gegenseitig in einem Dialog, der sich an ihre Vorstellung einer neuen kollaborativen Form des Agierens in schützender Gemeinschaft annähert: „Der Traum vom Fliegen“.

Wie schnell Gemeinschaftskonzepte, die zunächst als das Versprechen eines Gegenentwurfs zur Vereinzelung während des Lockdowns erscheinen, in Gesten der Autorität und der Exklusivität kippen können, argumentiert Vincent August in „Sehnsucht nach Solidarität?“Sein Gegenvorschlag liegt in einer Kultur des Konflikts mit einer andauernden, offenen Debatte.

Keren Cytter teilt in ihrer autobiografischen Selbstobservation „Drängende Zeiten“mit uns ihren Unwillen, die eigene Widerständigkeit gegen jede Form des proklamierten „Wir“ aufzugeben und sich angesichts der Krise in eine von ihr beobachtete zweifelhafte neue Einigkeit der moralisch Verlässlichen einzureihen.

Phrasen aus den Gedichten von Warsan Shire könnten Sie in englischer Sprache schon einmal ohne es zu wissen mitgesummt haben. Die Poetin erlangte Bekanntheit als Texterin für Beyoncés global erfolgreiches Musikalbum „Lemonade“. In der ersten deutschen Übersetzung stellen wir hier zwei Texte vor, die um körperliche und emotionale Beschädigung, die folgende Selbstablehnung und politische Neuentwürfe des weiblichen Schwarzen Körpers kreisen.

Die Gruppe Laokoon, Cosima Terrasse, Moritz Riesewieck und Hans Block, schlägt als künstlerische Intervention in einer Gegenwart, in der die Entwicklung unserer digitalen Öffentlichkeit hochgradig abstrakt abläuft und wenig Gestaltungsspielräume anbietet, die theatrale Selbstbeobachtung vor. In digitalen Räumen, in denen wir der ständigen Observation, Bewertung und Determination durch profitorientierte Algorithmen ausgesetzt sind, wäre durch eine solche Selbstbeobachtung die Deutungshoheit und damit Autonomie unserer Existenz zurückzuerobern: „Wider das hellseherische Zeitalter!“

Das Recht auf Eigentum an der eigenen Existenz und dem eigenen Körper ist auch für Hedwig Richter zentral. Im Gespräch unter dem Titel „Die Körper der Demokratie“macht sie ein solches Eigentumsverständnis als historische Grundlage eines demokratischen Selbstbewusstseins stark, das die Rechte aller Menschen als gleich zu verstehen gelernt hat und sich für eine globalisierte Welt weiter entwickeln muss.

Die Fotografien dieser Ausgabe stammen von Carrie Mae Weems. Der Künstlerin widmet der Württembergische Kunstverein Stuttgart 2021 eine große Einzelausstellung. Weems, eine Dokumentaristin des Wandels Schwarzer US-amerikanischer Identitäten, ist hier mit Arbeiten vertreten, in denen sie anhand ihres eigenen Körpers im Bild den öffentlichen und privaten Raum vermisst. Auf dem Titel steht sie face to face mit dem Pergamonmuseum auf der Museumsinsel in Berlin. Sieht sie sich einem monumentalen Tempel der Kunst gegenüber, hermetisch verschlossen in seiner eigenen jahrhundertealten Geschichte? Oder gehen hier die Konturen der Betrachterin und des Bauwerks eine elegante Harmonie ein, überwinden in stolzer Haltung die geschichtlichen Gräben, die zwischen ihnen liegen? Unser jeweiliger Eindruck erzählt sicher etwas über unser persönliches Krisenerleben.

Der Vorstand

Die Künstlerische Direktorin Hortensia Völckers und die Verwaltungsdirektorin Kirsten Haß bilden gemeinsam den Vorstand der Kulturstiftung des Bundes.