Cohabitation von Erinnerungskulturen II: Die Historikerin Manuela Bauche erinnert an Überlappungen zwischen kolonialer und nationalsozialistischer Rassenlehre.

 

Das Jahr 2020 war ein gutes Jahr für die Dekolonisierungsbewegung in Deutschland. In Berlin startete das von der Kulturstiftung des Bundes und dem Berliner Senat geförderte Projekt Dekoloniale – Erinnerungskultur in der Stadt. Dort wurde zudem beschlossen, dass die M-Straße in Mitte sowie die Neuköllner Wissmannstraße umbenannt werden. Die jahrelang formulierte Kritik am Humboldt Forum bildete sich mehr und mehr in der gesamtgesellschaftlichen Diskussion des Großprojekts ab. Und es fanden lebhafte Debatten um fragwürdige Namensgeber: innen wie Robert Koch statt.

Aber es gab auch Dämpfer. 2020 war auch das Jahr der sogenannten Mbembe-Debatte. Deren Beiträge beschäftigten sich von Beginn an nur bedingt mit den Schriften des in Südafrika lehrenden Politikwissenschaftlers Achille Mbembe. Dafür wurde unter anderem „der postkolonialen Theorie“, als einer deren Vertreter Mbembe gewertet wurde, vorgeworfen, sie habe ein Antisemitismus- Problem.[1] Förderinstitutionen, die gerne Projekte zum Thema „Dekolonisierung“ unterstützen wollten, fragten sich, ob ihnen vorgeworfen werden könnte, sie würden einer Relativierung der Shoah in die Hände spielen. Auch ich selbst kann die Mahnungen, die ich in Bezug auf meine Arbeit bekam, nicht mehr zählen. Sie lauten wahlweise, ich solle mich vor einer Relativierung der Shoah hüten oder aber vor jenen hüten, die mir eine Relativierung der Shoah vorwerfen könnten. Kurzum: Erinnerungspolitik in Deutschland wird dieser Tage von der Idee geprägt, dass das Bemühen um ein Erinnern an die deutsche koloniale Vergangenheit und das Bemühen um die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit und insbesondere der Shoah sich notwendigerweise in die Quere kommen müssten.[2] Ich glaube nicht an diese Idee. Ich glaube im Gegenteil daran, dass sich beide Bemühen produktiv befruchten können.

Ich arbeite an der Freien Universität in Berlin-Dahlem. In einem Gebäude, das als Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) errichtet wurde, einem Ort, an dem rassistische und behindertenfeindliche Vererbungsforschung betrieben wurde. Heute befindet sich dort ein Teil des Instituts für Politikwissenschaft. Meine und die Aufgabe meiner Kolleg:innen ist es, einen Erinnerungs- und Informationsort zur Geschichte des KWI-A zu entwickeln. Gerade die Geschichte des KWI-A zeigt auf, dass Geschichten, die üblicherweise als unterschiedliche Unrechtsgeschichten erinnert werden, sich nicht immer fein säuberlich voneinander trennen lassen. Ihre Mechanismen, Funktionen und Wirkungen überlappen vielfach. Sie in Verschränkung miteinander zu erinnern drängt sich deshalb häufig auf.

Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik wird üblicherweise als nationalsozialistische Einrichtung erinnert. Wer schon einmal vage davon gehört hat, weiß in der Regel, dass es „etwas mit Auschwitz zu tun“ hatte und dass „Mengele manchmal dort war“. Das war auch der Wissensstand der Presse, die Anfang 2015 darüber berichtete, dass auf dem ehemaligen Institutsgelände menschliche und tierische Knochenfragmente gefunden und vor einer genauen Untersuchung entsorgt worden waren. Um die Sensibilität des Fundes hervorzuheben, wurde u. a. erklärt: „Dorthin [ans KWI-A] hatte Josef Mengele 1943 und 1944 Skelettteile von Menschen geschickt, die er in Auschwitz gezielt für erbbiologische Forschungszwecke hatte ermorden lassen.“[3] Und dass deshalb „von Anfang an im Raum stand, dass es sich um Knochenfragmente von NS-Opfern handeln könnte“.[4] All das stimmt.[5] Die Geschichte des KWI-A ist aber deutlich komplexer.

Das KWI-A war zweifelsfrei und maßgeblich in nationalsozialistische Politiken und Verbrechen eingebunden, hat sie legitimiert und selbst genutzt. Mitarbeiter:innen des Instituts forcierten, dass Menschen, denen eine „Erbkrankheit“ oder Behinderung bescheinigt wurde, gegen ihren Willen sterilisiert werden sollten. Gründungsdirektor Eugen Fischer und andere Institutsmitglieder „begutachteten“ dann entsprechend erfasste Personen und dienten als sogenannte Erbgesundheitsrichter in Verfahren, die über ihre Sterilisierung entschieden. Sie erstellten auch sogenannte Abstammungsgutachten, die Personen, die als Jüd:innen identifiziert wurden, spätestens ab 1935 der Verfolgung aussetzten. Das KWI-A profitierte zugleich von der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik der Nazis – auf besonders drastische Weise in dem Fall, auf den 2015 die Presse rekurrierte: als die Biologin Karin Magnussen sich aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau für ihre Forschung Körperteile von dort ermordeten Angehörigen der Sinti-Familie Mechau zusenden ließ. Der Absender war Josef Mengele, der im Lager als „Arzt“ stationiert war. Deshalb: Ja, als wissenschaftlicher Zögling des zweiten KWI-A-Direktors, Otmar von Verschuer, war Mengele sicher gelegentlich in Dahlem zu Gast.

Das Gedankengut, das die Arbeit am KWI-A prägte, war allerdings keineswegs unter den Nationalsozialisten entwickelt worden. Gegründet wurde das Institut bereits in der Weimarer Republik, im Jahr 1927. Bis 1945 hatte es Bestand. Es war als Forschungsinstitut gegründet worden. Dort sollten Fragen untersucht werden, die wir heute der Humangenetik zurechnen. Was Forschende vor allem interessierte, war, welche Faktoren beim Menschen über körperliche und geistige Merkmale, aber auch über Krankheiten bestimmten. Waren es Umwelteinflüsse, oder war es das Erbgut? Von dieser Grundlagenforschung ausgehend sollten am KWI-A aber auch adäquate eugenische Maßnahmen entworfen werden. Das geschah bereits in der Weimarer Republik. Das Sterilisationsgesetz, das die Nazis 1933 verabschiedeten, wurde bereits ab 1929 vorbereitet, wenn auch darin zunächst kein Zwang vorgesehen war. Gründungsdirektor Eugen Fischer und der erste Leiter der Abteilung für Eugenik, Hermann Muckermann, waren daran maßgeblich beteiligt.

Das KWI-A ist auch in eine Geschichte von Wissensproduktion eingebunden, die (mindestens) bis in die Kolonialzeit zurückreicht. So baute das Renommee des Gründungsdirektors Fischer auf einer Forschung auf, die er 1908 in der Kolonie Deutsch-Süd- westafrika (heute Namibia) an rund 300 Nachfahr:innen von weißen Siedler:innen und Khoi Khoi durchführte. Mit ihr behauptete er, den Nachweis erbracht zu haben, dass Merkmale, die beim Menschen als spezifisch für ihre „Rasse“ identifiziert werden könnten, nach den Regeln der Mendelschen Gesetze vererbt werden, also nach einem spezifischen mathematischen Prinzip. Diese Annahme ist heute klar widerlegt – schon deshalb, weil es keine Gene gibt, anhand derer sich die Menschheit in „Rassen“ einteilen lässt. Der Erfolg der Studie ebnete Fischer den Weg in die Kaiser-Wilhelm- Gesellschaft.

Ein weiterer Verweis auf die Verwendung kolonialer Wissensbestände ist die anthropologische Sammlung, die im Dachgeschoss des Instituts verwahrt wurde. Die sogenannte „S-Sammlung“ hatte ursprünglich Felix von Luschan am Berliner Museum für Völkerkunde zusammengetragen, den größten Teil während der Kolonialzeit. Über Umwege war sie ans KWI-A gelangt. Heute (sie wird aktuell von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verwahrt) umfasst sie Gebeine von mehr als 5.300 Menschen. Fast immer wurden sie ohne Zustimmung der Angehörigen angeeignet. Neben der Verbindung des KWI-A nach Auschwitz-Birkenau liefert diese Sammlung eine weitere potenzielle Erklärung für die Knochenfunde, die 2015 bekannt wurden. In der Presse wurde dieser Kontext allerdings nicht erwähnt.

Die Wissensbestände und Ideen, die das KWI-A prägten, lassen sich freilich nicht einfach verschubladen: hier „koloniales Wissen“, dort „eugenisches Wissen der Weimarer Zeit“, dort „NS-Wissen“. Erst recht nicht aus Sicht von Zeitgenoss:innen, für die sie vermutlich ein Kontinuum bildeten, das zwar hier und da Brechungen und Wendungen aufwies, die aber nicht zwingend politischen oder ideologischen Umbrüchen folgten.

„Rasse“ und „Mischling“ waren zwei Konzepte, die dieses Kontinuum prägten. Das Identifizieren von „rassischen Unterschieden“ war das Motiv für das Zusammentragen der anthropologischen Sammlung in der Kolonialzeit gewesen. Auch in den späten 1920er Jahren suchten Institutsmitarbeiter: innen an den Gebeinen nach „Rassenunterschieden“. Die Hoffnung, „Marker“ für „Rassen“ zu finden, Menschen also durch einen simplen Test kategorisieren zu können, trieb dann im Nationalsozialismus u. a. den zweiten Direktor Verschuer dazu, an Blutproben von KZ-Internierten zu testen, ob sich deren „Rassenzugehörigkeit“ bestimmen ließe.

Die Figur des „Mischlings“ wiederum interessierte zu Zeiten von Fischers Buch u. a., weil Kolonialverwaltungen sich fragten, welche Positionen und Rechte sie jenen zuweisen sollten, die sich ihrem Versuch entzogen, eine nach den Dichotomien schwarz/weiß bzw. afrikanisch/europäisch oder kolonisiert/ kolonisierend segregierte Gesellschaft zu etablieren. Auf keinen Fall aber dürften sie Weißen gleichgesetzt werden, hatte Fischer gemahnt.

Den Nationalsozialisten wiederum lag daran, die Idee Deutschlands als weißes, „arisches“ Land Realität werden zu lassen. Die Untersuchungen, die Fischers Mitarbeiter Wolfgang Abel an afro- und asiatisch-deutschen Kindern und Jugendlichen durchführte, lieferten den NS-Behörden die Rechtfertigung, um 1937 etwa 400 von ihnen zwangsweise zu sterilisieren. Eine am KWI-A entstandene Doktorarbeit über „deutsch-jüdische Mischlinge“ wiederum, die eine mangelnde Trennung zwischen Jüd:innen und Nicht-Jüd:innen als Bedrohung zeichnete, spielte den NS-Behörden in die Hand, die auch als „Halbjude“ oder „Vierteljude“ klassifizierte Personen zunehmend zum Ziel ihrer Verfolgungs- und Vernichtungspolitik machten.

Von den Forschungen und Tätigkeiten des KWI-A waren Personen negativ betroffen, die wir üblicherweise als Angehörige unterschiedlicher „Opfergruppen“ denken: Behinderte, Jüd:innen, Sinti:zze, Rom:nja, arme Menschen, kolonisierte Menschen, Osteuropäer: innen. Die Liste ist lang – und „vielfältig“.

An die Geschichte des KWI-A zu erinnern bedeutet deshalb, dies in Absprache mit Vertreter: innen der oben genannten „Gruppen“ zu tun. In unseren Begegnungen herrschen viele Konsense: ein Konsens über die Notwendigkeit der Vielfalt der Zusammenkommenden; ein Konsens darüber, dass die Geschichten über Beforschungen, Rassifizierungen, Deklassierungen und Verfolgung mit der Perspektive auf ein Hier und Jetzt erzählt werden sollten – weil die Dynamiken der Entmenschlichung und Marginalisierung keineswegs mit 1945 endeten, sondern sich auch heute in Rassismen, in Antisemitismus, in Ableismus und in Klassismus fortsetzen.

Diese Erfahrung ist keineswegs einzigartig. Geschichten von gemeinsamer Arbeit und Solidarisierungen zwischen unterschiedlich Rassifizierten bzw. Dehumanisierten gibt es einige: Als 1982 der Zentralrat deutscher Sinti und Roma gegründet wurde, war der Weg dorthin auch vom Zentralrat der Juden unterstützt worden. In den 1990ern richteten Frauen eine ganze Reihe von feministischen Bündniskonferenzen aus, in denen sich u. a. „Immigrantinnen, Schwarze deutsche, jüdische und im Exil lebende Frauen“ organisierten. Projekte wie verwobenegeschichten. de erzählen Geschichten von Menschen unterschiedlicher Positionierung bewusst in ihren Verschränkungen. In der Akademie Migration & Diversität des Jüdischen Museums Berlin kamen in den letzten Jahren immer wieder verschiedene marginalisierte Gruppen zum Dialog zusammen. Die humoristisch benannten „Tage der Jüdisch- Muslimischen Leitkultur“ praktizierten im Herbst 2020 ernsthafte Solidarisierungen. Ebenfalls im vergangenen Jahr kamen zahlreiche „Communities“ zusammen, um mit Sinti:zze und Rom:nja gegen die drohende „Verlegung“ des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas zu protestieren.

Die Liste ist lange nicht vollständig. Auch jenseits Deutschlands gab es bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs produktive und solidarische Bezüge unterschiedlicher rassifizierter „Communities“ aufeinander: 1952 überdachte der prominente Schwarze US-amerikanische Bürgerrechtler W.E.B. Du Bois das Statement, für das er bekannt ist: „The problem of the 20th century is the problem of the color-line“. In mehreren Aufenthalten im Nachkriegseuropa hatte er erfahren, was anti-polnische und anti-jüdische Politiken angerichtet hatten. Von nun an rückte er davon ab, Rassismus an „color“ zu binden. Du Bois erweiterte seinen Rassismus-Begriff, um auch antislawischen Rassismus und Antisemitismus darin zu integrieren. Aber auch in Frankreich stellten jüdische, Schwarze sowie weiße linke Kulturschaffende Verbindungen her zwischen den Verbrechen der Nazis und von der französischen Regierung begangenen Massakern an Kolonisierten. Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Rothberg hat diese Fälle rekonstruiert. Die wechselseitigen Bezüge, zeigt er, relativierten keineswegs die einzelnen Kämpfe um Sichtbarkeit und Anerkennung von Verbrechen. Im Gegenteil stärkten sich diese Kämpfe in ihren Bezügen aufeinander gegenseitig.

Friede, Freude, Eierkuchen? Nein. Keine dieser Zusammenkünfte und keiner dieser Räume ist frei von Rassismus, von Antisemitismus, von Ableismus oder Klassismus. Kein Fleck in dieser Gesellschaft ist es. Erinnerungspolitische Arbeit ist zudem stark geprägt von Unzufriedenheiten und Begehrlichkeiten, die daher rühren, dass der erinnerungspolitische Raum weitgehend durch staatliche Entscheidungen und Ressourcenzuteilung strukturiert wird: durch Entscheidungen darüber, welche Unrechtserzählungen und welche Aufarbeitung mit Mitteln bedacht werden, wer entschädigt wird und wer nicht. Unzufriedenheiten und Begehrlichkeiten, die sich mitunter gegen diejenigen wenden, denen erinnerungspolitische Privilegien zugeschrieben werden. In diese Dynamik des „divide and rule“ sollten wir nicht verfallen. Dazu hilft, diese Dynamik zu erkennen, aber auch, sich an jene Momente zu erinnern, an denen unsere Geschichten von Marginalisierung, Entmenschlichung und Vernichtung überlappen. Auch, sich auf die lange Geschichte unserer Solidaritäten zu besinnen – und an ihrer Fortsetzung zu arbeiten.

 

 

Literatur

  • Tina Campt, Other Germans. Black Germans and the Politics of Race, Gender, and Memory in the Third Reich, Michigan 2005, S. 63–80.
  • Jihan Jasmin Dean, Verzwickte Verbindungen. Eine postkoloniale Perspektive auf Bündnispolitik nach 1989 und heute, in: Meron Mendel/Astrid Messerschmidt (Hg), Fragiler Konsens. Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft, Frankfurt/New York 2017, S. 101–129.
  • Michael Rothberg, Multidirectional Memory. Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization, Stanford 2010.
  • Hans-Walter Schmuhl, Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927–1945, Göttingen 2005.
  • Holger Stoecker, Human Remains als historische Quellen zur namibisch-deutschen Geschichte. Ergebnisse und Erfahrungen aus einem interdisziplinären Forschungsprojekt, in: Geert Castryck/Silke Strickrodt/Katja Werthmann (Hg.), Sources and Methods for African History and Culture. Essays in Honour of Adam Jones, Leipzig 2016, S. 469–491.

 

[1] Siehe u. a.: Saba-Nur Cheema/Meron Mendel, Leerstelle Antisemitismus, in: die tageszeitung 25.4.2020, online: https://taz.de/Postkoloniale-Theoretiker/!5678482/ (abgerufen am 14.1.2021).

[2] An dieser Idee ist auch problematisch, dass sie den nationalsozialistischen Genozid an Sinti:zze und Rom:nja ignoriert.

[3] Götz Aly, Bitte keine Ausflüchte! In: tagesspiegel. de vom 19.2.2015, online: https://www.tagesspiegel.de/wissen/umgangmit- ueberresten-von-moeglichen-ns-opfernbitte-keine-ausfluechte/11396552.html (abgerufen am 13.1.2021).

[4] Anja Kühne, Neue Widersprüche bei Skelettreisen auf dem FU-Campus, in: tagesspiegel.de vom 6.2.2015, online: https://www.tagesspiegel.de/wissen/heikler-fund-neue-widersprueche-beiskelettresten-auf-dem-fu-campus/11333914.html (abgerufen am 13.1.2021).

[5] Wenn es auch streng genommen – und nicht minder erschreckend – nicht „Skelettteile“, sondern Organe von Ermordeten waren, die Mengele nach Dahlem schicken ließ.

 

Wir verwenden in unserem Magazin in unsystematischer Abfolge mal die grammatisch männliche und mal die grammatisch weibliche Form bei personenbezogenen Substantiven im Plural. In diesem Text weichen wir auf Wunsch der Autorin davon ab. (Anm. d. Red.)

Manuela Bauche

Manuela Bauche ist promovierte Historikerin. Seit 2019 leitet sie das Projekt „Geschichte der Ihnestraße 22“ am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin, das einen Informations- und Erinnerungsort zur Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik entwickelt. Sie ist eine der Initiatorinnen des von der Kulturstiftung geförderten Projekts Dekoloniale – Erinnerungskultur in der Stadt. Sie schreibt hier auch aus ihrer Perspektive als christlich sozialisierte, able-bodied Mittelstands-Afrodeutsche.

Dekoloniale

Als Mitinitiatorin und Beiratsmitglied unterstützt Manuela Bauche das 2020 gestartete Modellprojekt „Dekoloniale – Erinnerungskultur in der Stadt“. Als stadtweites Kulturprojekt beleuchtet es die historische Rolle Berlins als koloniale Metropole und untersucht die anhaltenden problematischen Nachwirkungen dieser Geschichte. Getragen wird das Projekt von einem Verbund aus den drei NGOs Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) e.V., Each One Teach One (EOTO) e. V. und Berlin Postkolonial e. V. sowie dem Stadtmuseum Berlin, unterstützt vom Landesnetzwerk Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (BER) e. V. Gefördert wird es von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa und der Kulturstiftung des Bundes. 2021 rückt „Dekoloniale“ die transkontinentalen Verflechtungen deutscher Kolonialgeschichte mit mehreren Veranstaltungen in den Vordergrund. In Kooperation mit dem Museum Treptow zeigt das Projekt die überarbeitete Dauerausstellung „zurückGESCHAUT. Die Erste Deutsche Kolonialausstellung in Treptow 1896“, die sich der Geschichte und den Nachwirkungen dieses Massenspektakels widmet. Mit seiner aufwendigen Inszenierung des deutschen Kolonialstaates samt stereotypisierenden „Völkerschauen“ war es ein zentrales Ereignis für Berlin und von herausragender Bedeutung für die Geschichte seiner Schwarzen Community. Parallel dazu werden unter dem Projektschwerpunkt „Mapping: Dekoloniale Geschichte[n]“ auf einer digitalen Kartierung auf der Projektwebsite fortlaufend Erinnerungsorte in Deutschland und seinen ehemaligen Kolonien präsentiert. Den Schwerpunkt bilden 2021 Dekoloniale Lebens-, Objekt- und Institutions- Geschichten im Zusammenhang mit der Ersten Deutschen Kolonialausstellung und mit den anstehenden Umbenennungen von Berliner Straßen.