Im Jahr 2005 bestimmen zwei Gedenkjahre den Kulturkalender. Schillers 200.Todestag, Einsteins 50. Todestag und der 100. ‹Geburtstag› seiner Relativitätstheorie sind Anlässe, sich der gegenwärtigen Bedeutung dieser historisch und kulturell herausragenden Persönlichkeiten zu vergewissern oder sie neu zu bestimmen. Wenn die Kulturstiftung des Bundes eine ganze Reihe von Veranstaltungen zu Schiller und Einstein fördert, dann ist dies für eine Stiftung, deren Aufgabe die Förderung von Gegenwartskunst und Kultur im internationalen Kontext ist, zwar einerseits selbstverständlich, andererseits aber dennoch bemerkenswert. Es bedarf keiner langen Erklärung, dass zeitgenössisches Kulturschaffen das kulturelle Erbe als seinen Rohstoff nutzt. Um Schiller und Einstein muss einem allerdings nicht bange sein: Sie haben Literatur- und Wissenschaftsgeschichte geschrieben und sie haben ihre communities, Fachleute, Wissenschaftler und Künstler, die ihr Erbe pflegen und aktualisieren.

In der gegenwärtigen Situation sind die Herausforderungen an Jubiläumsfeiern und Gedenkveranstaltungen gewachsen. Die Internationalisierung in den Künsten und Wissenschaften, aber auch die durchlässig gewordenen Disziplingrenzen zwischen Kunst und Wissenschaft haben das Bedürfnis verstärkt, Schiller und Einstein als europäische Figuren in ihrer umfassenden kulturellen Bedeutung eine neue Kontur gewinnen zu lassen. Die Kulturstiftung des Bundes erweist sich für das Anliegen, sich mit einem solchen Vorhaben an eine große Öffentlichkeit zu wenden, als richtige Adresse, weil sie seiner Dimension und Komplexität gewachsen ist. Die Einstein-Ausstellung in Berlin oder die Schiller-Projekte in Weimar sind eine Art Lackmustest, inwieweit Schiller und Einstein heute für gesellschaftliche Fragen in Anspruch genommen werden können.

Gerade in Zeiten, in denen die Beschränkungen des Tagesgeschäfts für viele Kultureinrichtungen in den Vordergrund rücken, fällt es manchmal schwer, Phantasie für nachhaltige Perspektiven zu entwickeln und der Kulturstiftung nicht die Rolle der Nothelferin zuzuweisen, die sie nicht ausüben kann. Die Satzung der Kulturstiftung fordert ‹Innovation›. Ins Praktische übersetzt bedeutet es, kulturelle Initiativen für konkrete gesellschaftliche Prozesse und Veränderungen wirksam werden zu lassen, ja zu ihnen zu ermuntern. Dies passiert in einer Vielzahl von Projekten, von denen wir in diesem Magazin berichten, sei es bei relations mit Partnern aus mehreren osteuropäischen Staaten oder dem Büro Kopernikus, in dem deutsch-polnische Kulturprojekte entwickelt werden. Im vorliegenden Magazin haben wir einen Schwerpunkt auf solche Projekte gelegt, in denen die internationale Zusammenarbeit im Vordergrund steht. So unterschiedlich sie in Themenstellung und Format sind, so verschieden die lokalen Bedingungen sind: Gemeinsam ist ihnen, dass sie Alternativen zu herkömmlichen Praxen des Kulturim- und -exports aufzeigen und neue Perspektiven für eine europäische Kultur zu entwickeln versuchen. Wesentlich dafür ist die gemeinsame Arbeit an den Projekten und zwar in allen Phasen: von der Bedarfsermittlung und Ideenfindung bis zur Entwicklung geeigneter Präsentationsformen und Vertriebswege in den Partnerländern. 
Für die künstlerische Gestaltung dieses Magazins mit Bildern aus Sergej Eisensteins Film Panzerkreuzer Potemkin danken wir Daniela Haufe und Detlef Fiedler [cyan]. Das Bildmaterial verweist auf den erfolgreichen Abschluss der von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Rekonstruktion des Filmklassikers. Seine Geschichte mit ihren vielfältigen Bearbeitungen und Zensurmaßnahmen spiegelt die wechselvollen deutsch-russischen Kulturbeziehungen wieder. 80 Jahre nach seiner Uraufführung erlebt der Panzerkreuzer Potemkin bei den Internationalen Filmfestspielen im Februar 2005 die Premiere seiner Berliner Fassung mit der authentischen Sequenzen des Eisenstein-Originals und einer Neueinspielung der Musik von Edmund Meisel.

Schließlich gilt es, einen Wechsel anzuzeigen: Nach drei Jahren ist die Legislatur der ersten Jury für die Antragsprojekte der Kulturstiftung zu Ende gegangen. Für die Integrität der Entscheidungen ist die Befristung der Jurymandate von großer Bedeutung. Die erste Jury hat mit ihren Empfehlungen hohe Qualitätsmaßstäbe für die Antragsprojekte gesetzt, die das Profil der Stiftung in ihrer Anfangsphase wesentlich mitbestimmt haben. Die neue Jury wurde vom Stiftungsrat im Dezember letzten Jahres bestellt. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit in diesem wichtigen Gremium.

Der Vorstand

Die Künstlerische Direktorin Hortensia Völckers und der Verwaltungsdirektor Alexander Farenholtz bilden gemeinsam den Vorstand der Kulturstiftung des Bundes.