In der chinesischen Hauptstadt Peking vollzieht sich ein atemberaubender ökonomischer und gesellschaftlicher Wandel. Vier Monate lang haben deutsche und chinesische Stipendiaten des Beijing Case, einem Projekt der Kulturstiftung des Bundes in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Peking, gemeinsam in der Mega-Stadt gearbeitet und an verschiedenen Phänomenen die kulturellen Auswirkungen des ‹Hochgeschwindigkeitsurbanismus› untersucht. Der Film- und Videokünstler Ou Ning hat zusammen mit seiner Kollegin Cao Fei den historisch gewachsenen Stadtteil Dazhalan für einen Dokumentarfilm ausgewählt, dessen kleine, nur zweistöckige Häuser inmitten der Hochhaus-Landschaft Pekings vom Abriss bedroht sind. Die Begegnung mit Zhang Jinli, einem Bewohner von Dazhalan, gehört zu den eindrücklichsten Erlebnissen der Filmemacher.

Am 4. September stand ich vor einem kleinen Kopierladen in der Zhangshan-Gasse im Dazhalan-Viertel, mitten im historischen Qianmen-Bezirk von Peking, und plauderte mit ein paar Frauen. Da näherte sich uns ein Mann im mittleren Alter auf einem Fahrrad, und die Frauen fragten ihn: «Na, wie steht’s mit dem Abriss Ihres Hauses und Ihrer Umsiedlung?» Der Mann antwortete: «Ich habe ein paar Journalisten gebeten, morgen dabei zu sein. Warum kommen Sie nicht auch und sehen zu?» Dann fuhr er weiter. Das war meine erste Begegnung mit Zhang Jinli. Ich wusste damals weder, wer dieser Mann war, noch ahnte ich etwas von der Protestaktion, die er in Gedanken vorbereitete.

Am nächsten Morgen filmte ich die Ruinen der abgerissenen Häuser in der Meishi-Straße, als der alte Besitzer eines nahe gelegenen Krämerladens zu mir sagte, ich solle schnell zur Nr. 117 gehen, denn dort sei ein Mann dabei, rote Spruchbänder an sein Dach zu hängen. Ich ging sofort hin und sah, dass sich vor dem Haus bereits eine Menge Schaulustiger versammelt hatte. An den Torpfosten des Hauses waren soeben zwei rote Transparente befestigt worden: «Das staatliche Amt für Landreserven verhält sich unvernünftig in der Frage der Abrisse und Umsiedlungen», stand auf dem einen, «Der Gerichtshof weicht dem Streit um Abrisse und Umsiedlungen aus» auf dem anderen. «Wer kann entscheiden, was rechtens ist und was nicht?», las ich auf einem dritten, waagrechten Spruchband in der Mitte. Und dann entdeckte ich Zhang Jinli, der einen Stapel Fotokopien in der Hand hielt und diese an die Menge verteilte. Als er sah, dass sich immer mehr Leute versammelten, lief er schnell zurück ins Haus und holte ein noch größeres waagrechtes Transparent hervor. Rasch und gelenkig kletterte er aufs Dach und befestigte das sechs oder sieben Meter lange Band, auf das er geschrieben hatte: «Die Abrissfirma hält sich nicht an die Vereinbarungen. Das staatliche Amt für Landreserven hat widerrechtliche Entscheidungen getroffen. Die schwachen kleinen Leute können nur mit Mühe überleben». Unterzeichnet waren diese Sätze von «Zhang Jinli, einem Bewohner, der sein Haus verlieren und umgesiedelt werden soll».

Es war das erste Mal, dass Zhang Jinli öffentlich Widerstand leistete, um seine Rechte als Anrainer geltend zu machen. Zu dieser Zeit waren die Umsiedlungen und Abrisse von Häusern in der Meishi-Straße seit über acht Monaten im Gange. Rundherum sah man nichts als einstürzende Mauern, Trümmer und Schutt. Die Nachbarn waren bereits weggezogen, und Zhang Jinlis Haus wirkte wie eine Insel in einem Meer von Ruinen. Um eine angemessene Entschädigung zu erhalten, widerstand der Mann großem psychologischen Druck und harrte alleine in einer ansonsten fast menschenleeren Welt aus. Ohne die geschäftige Atmosphäre und den Trubel früherer Zeiten hatte er das Gefühl, in seinem Alltag in der Meishi-Straße 117 nackt der Welt ausgesetzt zu sein — es war, als hätte man ihm die oberste Hautschicht abgezogen. Als er nun zum ersten Mal die Transparente und Sprüche aufhängte und immer wieder sein Haus betrachtete, das für den Abriss vorgesehen war, und während er den Leuten aus der Nachbarschaft zuhörte, die seine Aktion verfolgten und über ihn redeten, war er zwischen Euphorie und Furcht ganz hin- und hergerissen.

Zhang Jinli kam 1958 in diesem Haus zur Welt. Nach seinem Abitur im Jahr 1978 absolvierte er einen Teil seiner ‹Umerziehung› bei der Arbeit mit Bauern im Pekinger Vorort Daxin. Zwei Jahre später nahm er eine Stelle bei den Pekinger Stahlwerken an. Dort kündigte er 1991, um sein eigenes Restaurant zu eröffnen, das er bis heute betreibt. Das Haus in der Meishi-Straße 117 gehört seinem Vater Zhang Hongqun, der es 1954 kaufte und hier die Schneiderei Hongxing betrieb. Zu Beginn der Kulturrevolution wurde das Haus vom Wohnungsministerium übernommen und nach dem Ende dieser Revolution, als die Regierung ihre Politik des Privateigentums umzusetzen begann, der Familie zurückgegeben. 1984 erfolgte der Umbau zum Restaurant, und als Zhang Jinli dieses 1991 übernahm, gab er ihm den Namen Jinlis Restaurant. Er spezialisierte sich erfolgreich auf die Küche des chinesischen Nordostens. Heute lebt Zhang Jinli als letzter Bewohner im hinteren Teil des Hauses und vertritt seinen Vater, ebenso wie eine Schwester und drei Brüder, die bereits weggezogen sind, im Kampf um die Entschädigung für den enteigneten Besitz. Von seiner Frau ist er inzwischen geschieden, seine Tochter Zhang Xin studiert an der Jiaotong Universität in Peking und verbringt nur die Wochenenden bei ihrem Vater.

Als Gastgeberin der Olympischen Spiele im Jahr 2008 entschied die Stadtverwaltung von Peking, ungefähr 300 ‹innerstädtische Dörfer› umzugestalten — ebenso wie zahlreiche ‹Winkel› des alten Peking, die als schmutzig, chaotisch und verarmt eingestuft wurden (das 61. Arbeitstreffen des Bürgermeisters im Jahr 2004 stellte 343 solcher Örtlichkeiten fest). Das Dazhalan-Viertel stand ganz oben auf dieser Liste. Laut einer «Untersuchung innerstädtischer Winkel in Peking » durch die Akademie für Sozialwissenschaften vom Juli 2005 liegt die Besiedelungsdichte hier bei 45.000 Personen je Quadratkilometer; die Wohnungen sind überbelegt; viele einsturzgefährdete alte Häuser stellen ein ernsthaftes Brandrisiko dar; die Wasser- und Stromversorgung ist unzureichend; die hygienischen Standards sind beklagenswert; die Sicherheitslage verschlechtert sich zusehends; die lokalen Märkte sind mit gefälschter Markenware überschwemmt; und nicht zuletzt gibt es hier eine große Anzahl von Wanderarbeitern, die von weniger als 8 Renmimbi am Tag leben müssen. Kurz und gut, Dazhalan hat sich zu einem typischen Elendsquartier entwickelt, und da sich das Viertel auch noch in unmittelbarer Nähe des Tiananmen-Platzes befindet, scheint Abhilfe dringend geboten. Die Pekinger Stadtverwaltung wollte vor allem die Infrastruktur aufwerten und den Verkehrsfluss verbessern. Am 27. Dezember 2004 begann sie daher mit der Umgestaltung der Meishi-Straße, die von bisher 8 auf 25 Meter verbreitert werden soll. Zhang Jinlis Haus gehört zu den Bauten, die für den Abriss vorgemerkt wurden.

Die Stadtverwaltung von Peking plante außerdem, die Nanxinhua-Straße im Westen ebenso wie die Qianmen-Allee im Osten Dazhalans in Einkaufsstraßen zu verwandeln und für den Autoverkehr zu sperren. Zur Begründung führte sie an, dass die Nanxinhua-Straße die historische Liulang-Straße kreuzt und als wichtige Verkehrsader die Einheit dieser uralten, berühmten und kulturgeschichtlich wertvollen Geschäftsstraße zerstört. Auch die Qianmen-Allee war früher einmal ein lebendiges Zentrum des Handels — ein Grund mehr, sie ebenfalls zur Fußgängerzone zu machen. Nachdem diese beiden Durchzugsstraßen für den Autoverkehr gesperrt waren, entschied sich das Rathaus für die Verbreiterung der Meishi-Straße, um den Dauerstau in Dazhalan aufzulösen. Die Begründung lautete: «Es gibt in dieser Straße nur wenige Kulturdenkmäler und historisch wertvolle Gebäude. Die Umsiedlungen und Abrisse würden daher weniger Widerstände hervorrufen.» Zhang Jinli wusste nicht viel über die stadtplanerischen Vorhaben der Behörden. Ihn interessierte vor allem, wie viel Entschädigung er für den Abriss seines Hauses erhalten und wovon er in Zukunft leben sollte.

Die Meishi-Straße verläuft in Nord-Süd-Richtung und kreuzt an ihrem nördlichen Ende die Dazhalan-Straße. Hier liegt das eigentliche Einzelhandelszentrum des Viertels, und hier sind auch die meisten traditionsreichen Geschäfte angesiedelt. Schon lange vor dem Umbauprojekt hatte der Trubel von der Dazhalan-Straße auf die Meishi-Straße übergegriffen, in der sich nun ebenfalls die verschiedensten Geschäfte dicht aneinander reihten. Da die Mieten und Lebenshaltungskosten in dieser Gegend immer noch relativ niedrig sind, konnte man sich hier leichter mit einem Betrieb etablieren. Und auch Zhang Jinlis Restaurant ist, obwohl inzwischen von Ruinen umgeben, noch heute jeden Tag bis zum letzten Platz gefüllt. Das Geschäft läuft so gut, dass sich sein Besitzer nicht ohne weiteres geschlagen geben will. Er kann ohne die Betriebsamkeit und Hektik der Meishi-Straße nicht leben! Er ist in dieser Straße geboren und aufgewachsen, und er hat sich hier mit seinem Restaurant eine Existenz aufgebaut. Er wurde vierzehn Jahre nacheinander zum Vertreter der privaten Kleinunternehmer in der Meishi-Straße gewählt. Jahr für Jahr gehörte er zu den ersten, die ältere und alleinstehende Bedürftige aus der Gegend finanziell unterstützten. Zhang Jinli fühlt sich dieser Straße sehr verbunden, und es fällt ihm schwer, sie zu verlassen. Sein größter Wunsch wäre, später wieder in die Meishi-Straße zurückzukehren und hier eine gleichwertige Immobilie sein eigen zu nennen. Das Problem ist, dass die Erweiterung der Straße kein kommerzielles Projekt ist, bei dem Baugründe an Immobiliengesellschaften vergeben werden und eine Politik der Wiederansiedlung von ehemaligen Bewohnern gilt. Die Stadt hat Zhang Jinli nur einen bescheidenen finanziellen Abschlag angeboten.

Zhang Jinli versteht sich nicht als unverbesserlicher Querulant, der nur der Regierung ihre Arbeit erschweren will. Er begrüßt sogar den Bauboom und die Umgestaltung des Viertels durch die Stadtverwaltung. Er wäre bereit wegzuziehen, wenn die von der Abrissfirma angebotene Entschädigung angemessen ausfiele. Doch tatsächlich entbehrt die gesetzlich vorgeschriebene Schätzung der Liegenschaft, die ebenfalls von der Abrissfirma erstellt wurde, in Zhang Jinlis Augen jeder vernünftigen Grundlage. Erstens ist darin der gewerbliche Charakter des Gebäudes nicht berücksichtigt (gewerblich genutzte Häuser werden nach dem gültigen Schema sehr viel höher bewertet als Wohnbauten). Zweitens stimmt die abzulösende Grundfläche nicht, weil der Innenhof, die Durchgänge und ein Raum im südlichen Quergebäude herausgerechnet wurden (diese Räume fehlen schon in der Besitzurkunde aus den turbulenten Zeiten der Kulturrevolution). Drittens hätte die Schätzung der Immobilie nach ihrem Marktwert am behördlich festgesetzten Abrisstag erfolgen müssen, während die Firma willkürlich einen Wert aus dem Jahr 2001 zu Grunde legte — und natürlich sind die Preise für Häuser und Grundstücke seither dramatisch gestiegen. Zhang Jinli versuchte alle möglichen Rechtswege, um sich gegen die unfaire Behandlung beim Abriss- und Umsiedlungsverfahren zu wehren, aber er erreichte nie ein zufrieden stellendes Ergebnis. Als letztes Mittel blieb ihm noch, Spruchbänder an sein Dach zu hängen, seine Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen, Medien und Mitbürger um Hilfe zu bitten.

Am Tag, als der Protest begann, kamen tatsächlich ein oder zwei Journalisten, wenn auch nur als Privatpersonen. Sie verfolgten Zhang Jinlis Aktion aufmerksam, durften aber in den Zeitungen nicht darüber berichten, weil die Behörden alle Kontroversen über Abrisse und Umsiedlungen zensieren. Doch Zhang Jinli war dadurch nicht zu entmutigen. Im Gegenteil, er war froh, dass überhaupt ein paar Journalisten erschienen waren und sich für seine Situation interessierten. Dass sich außerdem noch ehemalige Nachbarn und Leute aus der Umgebung vor seinem Haus versammelten und angeregt über den Fall diskutierten, bestärkte Zhang Jinli in seiner Entschlossenheit. Er hatte das Gefühl, dass diese Leute zu ihm standen. Für ihn kam es aber vor allem darauf an, die Abrissfirma, das Gemeindekomitee und das Wohnungskomitee zu einer Reaktion zu bewegen. Doch selbst nach tagelangem öffentlichem Protest waren diese nicht bereit, seinen Widerstand zur Kenntnis zu nehmen und einen Vermittler zu entsenden. So fertigte Zhang Jinli weitere Spruchbänder an — diesmal aus weißem Stoff — und befestigte sie zwischen den roten, die schon an seinem Haus hingen. Außerdem fand er eine Schaufensterpuppe, die eine Boutique entsorgt hatte. Er zog ihr ein T-Shirt an, auf dem stand: «Ich verlange energisch, mit Bao Gong zu sprechen!» (Bao Qingtian ist ein für seine Ausgewogenheit und Integrität berühmter Richter des alten China). Zhang befestigte diese Puppe mit einem Seil am Dach und ließ sie von dort herab hängen. In den folgenden Tagen radikalisierte sich seine Aktion zunehmend. Zhang Jinli wurde in und um Dazhalan bekannt als ein ‹dingzi hu› — ein streitsüchtiger Mieter oder Eigentümer, der sich weigert auszuziehen und der um eine höhere Entschädigung pokert, wenn die Behörden ein Haus für ein städtebauliches Projekt enteignen.

Uns begann der Fortgang dieser Angelegenheit zu interessieren, als wir Zhang Jinli am 5. September kennen lernten. Er war von diesem Tag an unverzichtbar bei unserer Erforschung und Dokumentation des Dazhalan-Viertels. Wir gaben ihm eine digitale Videokamera (eine Sony DCR-TRV10E) und ermutigten ihn, seinen Alltag und seine Erlebnisse aufzuzeichnen. Er lernte schnell, diese Kamera zu benutzen, und machte sich begeistert an die Dokumentation seines Lebens und seiner Protestaktionen. Aus dem Material, das er gefilmt hat, ist ein ganz anderes, umfassenderes Bild von Zhang Jinli entstanden: Es offenbart seine Energie und Vitalität, seine Weisheit und Beharrlichkeit, seine Gefühle und Überzeugungen.

Zhang Jinli steht jeden Tag früh auf und geht zum Tao Ran Ting-Park, um dort seine Morgengymnastik zu machen. Er zeigte Freunden aus dieser Gegend, wie man die Kamera benutzt, und bat sie, ihn bei der Ausführung verschiedener Geschicklichkeitsübungen zu filmen: Er ging mit beiden Füßen und Handflächen auf dem Boden, kletterte auf Bäume, dehnte seinen Rumpf und seine Gliedmaßen nach Belieben und übertraf sich selbst im Drei-Kaiser-Kanonenboxen, einer in Peking weit verbreiteten Kampfsportart. Die ‹Drei Kaiser› sind Fu Xi, Shen Nong und Huang Di, legendäre Herrscher des alten China. Als ‹kanonenartig› gilt die Wucht und Gewalt dieses Boxstils. Nach dem Ende der Kaiserzeit verdienten in den frühen, wilden Tagen der Republik (ab 1912) etliche Meister des Drei-Kaiser-Kanonen-Boxens ihren Lebensunterhalt als Leibwächter oder Lehrer an den Kampfkunstschulen der Hauptstadt. Sie hatten regen Zulauf und machten das Drei-Kaiser-Kanonen-Boxen zu einem der beliebtesten Boxstile. Bis heute besuchen über 600 Menschen regelmäßig die Kurse an Pekings bekanntester Schule. Zhang Jinli begann im Alter von 14 Jahren mit dem Kampfsport. Mit 22 ging er zu Dong Yinjun, einem Meister des Drei-Kaiser-Kanonen-Boxens in sechster Generation, der berühmt war für seine ausgezeichnete Handhabe von bis zu vier Meter langen Lanzen. Zhang Jinli gehörte bald zu Dongs eifrigsten Schülern, und diese Erfahrung hat ihn nachhaltig geprägt. Er ist gewöhnlich ein netter und höflicher Mensch mit einem sanften und liebenswerten Charakter, und er begegnet anderen Menschen mit einer Haltung der Dankbarkeit. Aber wenn es ein Problem gibt, steht er eisern zu seinen Grundsätzen und trotzt den herrschenden Mächten ohne Furcht. Dieser Wesenszug hat sicher viel mit der jahrelangen Übung in Kampfsportarten zu tun. Was den Abriss seines Hauses und seine Umsiedlung betrifft, so hat Zhang Jinli beschlossen, sein Recht standhaft zu verteidigen, hart dafür zu kämpfen und dabei auf Vernunft und rationale Argumente zu vertrauen. Vor allem aber ist er entschlossen, niemals aufzugeben, getragen von einer großen spirituellen Kraft, die auch heute noch im chinesischen Volk latent vorhanden ist.

Mit der Kamera in der Hand ging Zhang Jinli eines Tages sogar so weit, sich selbst als Tourist zu filmen. Er sah das Dhazalan, in dem er seit fast fünfzig Jahren lebt, durch das Objektiv der Kamera und filmte es, beginnend beim ‹Pfeilhaus› und den traditionsreichen Läden in der Dazhalan-Straße: etwa dem seit 300 Jahren auf Kräutermedizin spezialisierten Tong Ren Tang, dem Teehandel Zhang Yi Yuan, dem Seidengeschäft Rui Fu Xiang, dem Schuhgeschäft Nei Lian Sheng und dem Kino Da Guan Lou. Danach folgte er der Dazhalan-Straße bis zur Kreuzung Meishi-Straße, wo man überall Schutt herumliegen sieht, bis zu seinem eigenen, vom Abriss bedrohten Haus. Er filmte das Haus mit den Transparenten an den Wänden, danach den Koch und die Kellner seines Restaurants, und schließlich seine junge Tochter. Die Kamera bewegt sich dabei sehr langsam, als könne sie sich nur mit Mühe von diesen Motiven lösen. Während Zhang Jinli die Szenen aufnahm, murmelte er immer wieder Sätze wie «Habe es aufgenommen» oder «Behalte das als Erinnerung ». Deutlich wurde dabei sein immer stärkerer Wunsch, diese Dinge und Personen zu dokumentieren, ebenso wie das Bewusstsein dafür, wie wichtig es ist, ihr Andenken zu bewahren.

Als die Angestellten des Gemeindekomitees und die Beamten der örtlichen Polizeistation damit begannen, die waagrechten Spruchbänder von seinem Dach zu entfernen, richtete er die Kamera auf sie. Sobald er das Auto des Regierungsbeamten sah, der die Abrissgrundstücke auf der Meishi-Straße inspizieren wollte, sang er «Ohne die Kommunistische Partei gibt es kein Neues China». Dabei ließ er zwar die Kamera sinken, nahm aber weiter Bilder und Töne auf. Er baute mehrmals die Kamera so auf, dass er sich selbst beim Beschreiben von Transparenten und Flugblättern filmen konnte. Ganz am Schluss hielt er seine Hand mit einem ‹Victory›-Zeichen direkt vor das Objektiv.

Bei dem groß angelegten Umbau der Stadt nutzt die Regierung Chinas ihre Macht, um öffentliche Ressourcen neu zu verteilen und Interessen neu zu gewichten. Zhang Jinli ist ein Beispiel für einen gewöhnlichen Bürger, der sich trotz ungewissem Ausgang auf das ‹Glücksspiel› einlässt, mit den Behörden zu verhandeln. Obwohl in den letzten Jahren mit der regen Bautätigkeit auch das Bedürfnis nach dem Schutz historischer Bausubstanz gewachsen ist, interessiert sich nach wie vor kaum jemand für die Rechte der Menschen in den betroffenen Stadtteilen. Bei der Verbreiterung der Meishi-Straße räumten die Behörden dem Denkmalschutz im gesamten Dazhalan-Bezirk hohe Priorität ein. Aber von den allermeisten Anrainern der Straße wurde verlangt, für diese Art der Stadtplanung ihre Wohnungen und Geschäfte zu opfern. Nachbarschaftliche Beziehungen, die diese Bewohner über Jahrzehnte geknüpft hatten, wurden rücksichtslos auseinandergerissen. In Zukunft werden die Straßen, auf denen sich bisher das Leben und Arbeiten abspielte, dem Autoverkehr gehören. Auch wer dann noch hier wohnt, wird sich orientierungslos fühlen. Ein Bürger wie Zhang Jinli, der früher ein einfaches Leben führte und ehrlichen Handel trieb, wird nach der Umsiedlung sein Leben noch einmal von vorne beginnen müssen. Selbst wenn er den Kampf um seine Rechte gewinnen und eine höhere Abfindung erstreiten sollte, gehört doch das Haus seinem Vater, und da jedes Familienmitglied einen gleich großen Anteil am Erbe beanspruchen kann, wird Zhang Jinlis Entschädigung am Ende nicht reichen, um seinen Lebensunterhalt zu decken. Es sind in jedem Fall die einfachen Leute, die für die Umgestaltungsvorhaben der Regierung bluten müssen. Daher sollten die Behörden wenigstens bei den Abrissen und Umsiedlungen so ausgewogen und gerecht wie möglich vorgehen. Nicht zuletzt sollten sie den betroffenen Anwohnern die Möglichkeit geben, ihre Meinung frei zu äußern.

Die Modernisierung einer Stadt bemisst sich nicht nur an der Zahl der Wolkenkratzer, der Entwicklung des Verkehrsnetzes oder der Bequemlichkeit ihrer Infrastruktur zum Leben und Arbeiten. Modernisierung heißt nicht zuletzt, allen Bürgern die gleichen Chancen zu geben. Sie besteht in einer Zivilgesellschaft, mit der sich die Bürger tatsächlich identifizieren und an der sie teilhaben können. China wurde über Jahrtausende von Kaisern regiert. Als Folge hat sich die Bedeutung von Bürgerrechten bisher kaum im kollektiven Unbewussten verankern können, obwohl das Verständnis dafür allmählich wächst. Das Dazhalan-Viertel würde sich für ein erstes chinesisches Modell zivilgesellschaftlicher Stadtgestaltung anbieten wie kaum ein anderer Ort. Dazhalan ist seit der Ming-Dynastie das Zentrum des Pekinger Handels und ein Ort der Begegnung für viele Menschen. Mit Beginn der Qing-Dynastie im 17. Jahrhundert durften nur noch die Angehörigen des mandschurischen Volkes in der damaligen Innenstadt von Peking leben, wodurch viele der anderen Bewohner gezwungen waren, sich in Dazhalan niederzulassen. 1909 wurde hier die Beijing Xingshi Huabao oder ‹Pekinger Illustrierte zum Wachrütteln der Welt› gegründet. Sie war eines der ersten chinesischen Medien überhaupt, das Machtmissbrauch thematisierte und sich als gesellschaftliche Kontrollinstanz verstand. Mit dem Ende der Qing-Dynastie und der Kaiserzeit wetteiferten in Dazhalan die verschiedensten politischen Untergrundorganisationen in enger Nachbarschaft. Zu Beginn der Republik hielt hier der Freihandelsgedanke Einzug, und mit ihm auch das Bewusstsein für Bürgerrechte. Es ist heute möglich, diese Geschichte an den verschiedenen Wohn- und Bürobauten modernen Stils neben der Architektur kaiserlichen Typs abzulesen. Viel wichtiger ist aber, dass wir hier auch eine Art unsichtbarer Volkstradition vor Augen geführt bekommen, verkörpert von gewöhnlichen Bürgern wie Zhang Jinli.

Wir haben aus dem von Zhang Jinli zwischen dem 12. und 21. Oktober 2005 gedrehten Material einen Dokumentarfilm gemacht und diesen anlässlich einer Ausstellung in Peking gezeigt. Wir gaben Zhang Jinli nicht nur die Kamera, sondern auch die Möglichkeit, bei der Ausstellung seine eigene Version dieser Geschichte zu präsentieren. Wir wollten nicht an seiner Stelle sprechen, denn dabei hätten wir doch nur unsere eigenen Gedanken mitgeteilt und seinen Erwartungen nicht entsprochen. Die Kamera ist immer noch in Zhang Jinlis Händen. Sein Protest hat bis heute zu keinem konkreten Ergebnis geführt. Und wir rätseln, wann sein Haus abgerissen wird...

Übersetzung: Yu Hsiao-hwei und Herwig Engelmann

Über Ou Ning und Cao Fei

Ou Ning (Jahrgang 1969), chinesischer Film- und Videokünstler, und Cao Fei (Jahrgang 1978) haben als Künstlerteam am Stipendienprogramm Beijing Case der Kulturstiftung des Bundes teilgenommen. Beide leben in der Stadt Guangzhou. Ou Ning begann seine künstlerische Karriere als Schriftsteller, gründete eine alternative Musikorganisation und ein Literatur- und Kunstcafé in Guangzhou. Auf der 50. Biennale in Venedig 2003 waren beide Künstler mit der Arbeit The San Yuan Li Project in der so genannten Zona di Urgenza [Dringlichkeitszone] vertreten.