Schwerpunktsetzungen im Bereich zeitgenössischer Kunst und Kultur setzen die Bereitschaft zum Widerspruch und zur Kontroverse voraus. Es ist gewiss nicht der Anspruch der Kulturstiftung des Bundes, Positionen zu vertreten oder zur Geltung zu bringen, die unumstritten sind. Die vorliegende Ausgabe unseres Magazins setzt allerdings ausnahmsweise einen Akzent auf Vorhaben, die sofort einleuchten, denen niemand ernstlich widerspricht, die aber trotzdem des einen letzten Anstoßes bedurften, um auf den Weg gebracht zu werden. Ein früherer Bundespräsident sprach von dem ‹Ruck›, dessen unsere Gesellschaft bedürfe. Angesichts der unbestrittenen Misere, in der sich die kulturelle Bildung in Deutschland befindet, dürfte der Impuls, mehr als zweihunderttausend Kindern in den nächsten Jahren das Erlernen eines Musikinstrumentes nahe zu bringen, ein solcher ‹Ruck› sein, der — so hoffen wir — weit über das aus Anlass der Wahl zur europäischen Kulturhauptstadt adressierte Ruhrgebiet hinaus wirkt. Denn ohne die Vermittlung kultureller Leistungen und Fertigkeiten an nachfolgende Generationen, ohne deren Befähigung, dieses Erbe anzunehmen und in die eigene Praxis zu übersetzen, könnten sich die Debatten über den Erhalt unserer traditionsreichen kulturellen Institutionen ganz schnell von selbst erledigen.

Im Schatten einer dynamisch wachsenden Unterhaltungs- und Event-Ökonomie, deren Handlungslogik zunehmend auf kulturelle Institutionen wie Theater und Museen übergreift, droht aber nicht nur der Kompetenzverlust der Menschen im Umgang mit Kunst und Kultur. Die Dinge selbst kommen uns abhanden. Noch zu langsam dringt es ins öffentliche Bewusstsein, dass nicht nur Objekte des kulturellen Erbes aus vergangenen Jahrhunderten in einem bedenklichen Zustand sind, sondern auch vergleichsweise junge Kunst konservatorischer Rettungsmaßnahmen bedarf. Armin Zweite führt eindrucksvolle Beispiele aus der zeitgenössischen Kunst an, die diesen Sachverhalt nicht nur aus gewissermaßen handwerklicher Perspektive beleuchten. Angesprochen ist auch das zeitgenössische ‹Ethos› der Restaurierung von Kunstwerken, nicht erst dann, wenn deren begrenzte Lebensdauer geradezu intendiert erscheint. Die Kulturstiftung des Bundes will mit einem Programm zur Restaurierung mobiler Kulturgüter hierauf aufmerksam machen und Signale setzen, dass und wie abgeholfen werden kann. 
In der kunstinteressierten Öffentlichkeit blieb das kulturelle Erbe, das in den Naturkundesammlungen und -museen geborgen ist, weitgehend unbeachtet. Mit seinem Vorstoß ins Innere unternimmt Hanns Zischler den Versuch, diese Schätze in einem interaktiven Medium zu heben, das neue Expeditionen in die geheimnisvolle Welt der Museen ermöglicht.

Alle Zeichnungen in diesem Magazin von Maciej Sienczyk sind im Zusammenhang der deutsch-polnischen Kulturprojekte im Büro Kopernikus entstanden. Sie illustrieren das Reich der Polnischen Wunder, die polnische und deutsche Autoren in einem Glossar zusammengestellt haben. Auf den Seiten 27 – 31 finden Sie eine Probe von köstlichen Miszellen. 
Als Erstveröffentlichungen dürfen wir Ihnen auch die literarischen Texte von Wilhelm Genazino und Kathrin Röggla präsentieren, die sich im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes und des Suhrkamp-Verlags Gedanken zur Arbeit in Zukunft gemacht haben. Welche Vorstellungen Jugendliche davon haben und wie sie sie in Kulturprojekte umsetzten, erfahren sie auf Seite 19 von Nikola Richter, die das ‹Prekariat› aus eigener Erfahrung kennt. 
Gar nicht prekär — wie Wolfgang Reinhard in seinem Beitrag in unserem letzten Magazin — , sondern recht optimistisch beurteilt der renommierte Philosoph Otfried Höffe die Voraussetzungen für die Gestaltung einer europäischen Wertegemeinschaft, die auf einem Kongress der Kulturstiftung des Bundes diskutiert werden. Liest man den Bericht von Emir Imamovic über die Auseinandersetzungen um die Errichtung eines Denkmals im Zentrum von Sarajevo, erkennt man, wie steinig der Weg dorthin ist — und nicht zuletzt, welch hoher Wert der kulturellen Bildung in einer demokratischen Gesellschaft zukommt.

Der Vorstand

Die Künstlerische Direktorin Hortensia Völckers und der Verwaltungsdirektor Alexander Farenholtz bilden gemeinsam den Vorstand der Kulturstiftung des Bundes.