1929–1989. Eine Revolution frisst einen Jahrgang

Von Alexander Cammann

»Ich habe Wodka getrunken und gewartet, ratlos.« Der Dramatiker Heiner Müller sollte zu den Massen sprechen, am 4. November 1989 auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz. Dort fand die größte Demonstration in der deutschen Geschichte statt; die Angaben über die Teilnehmerzahlen schwankten zwischen 500.000 und 1 Million. Die Euphorie aus entspannter Fröhlichkeit, neugewonnenem Selbstvertrauen und zuversichtlicher Ungewissheit, die an jenem Tag herrschte, ist unvergesslich: ein Höhepunkt der Revolution von 1989 und eine Sternstunde der DDR-Intellektuellen. Denn für einen illusionären Moment sah es so aus, als wären die Schriftsteller, Schauspieler und Bürgerrechtler, die zu den Demonstranten redeten, tatsächlich Sprachrohre des Volkswillens. Doch der historische Augenblick auf dem Alexanderplatz bedeutete noch etwas anderes: Er war der erste und zugleich letzte große symbolische Auftritt jenes Jahrgangs, der sich in den Jahrzehnten zuvor als der wirkmächtigste in der deutschen Geschichte erwiesen hatte. »Geboren 1929«: diese magische Chiffre steht nicht nur für Jürgen Habermas, Hans Magnus Enzensberger oder Ralf Dahrendorf, sondern auch für deren gleichaltrigen prominenten Genossen im Osten. Am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz waren allein drei der Redner 1929 geboren: der Dramatiker Heiner Müller, die Schriftstellerin Christa Wolf, und das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski. Noch einmal verdichtete sich in diesem Moment die Schicksalslage des Jahrgangs 1929.

Heiner Müller also, der ansonsten bekanntlich Whisky vorzog, trank erst einmal Wodka. So schilderte er es rückblickend in seinen Erinnerungen Krieg ohne Schlacht. Seinen anschließenden Auftritt vor den Hunderttausenden empfanden viele als bizarr. Mit monotoner Stimme verlas er ein Flugblatt der Initiative für unabhängige Gewerkschaften, das ihm zuvor von drei jungen Leuten in die Hand gedrückt worden war. Eine neue Arbeiterinteressenvertretung wurde dort gefordert, gegen die SED-hörige Einheitsgewerkschaft FDGB und gegen heraufziehende neue ökonomische Bedrohungen. Pfiffe ertönten bald. »Es war kein Text für 500 000 Menschen, die glücklich sein wollten.«

Die Distanz zwischen Dramatiker und Publikum an diesem Tag hatte Ursachen. Denn Müller, der am Deutschen Theater gerade seine »Hamletmaschine« probte, überkam das »ungute Gefühl«, einer Inszenierung zuzusehen: dem »Theater der Befreiung von einem Staat, der nicht mehr existierte«. Vor der Menge kam es ihm »plötzlich albern vor, dem kranken Löwen einen Tritt zu versetzen, der mir sicheren Applaus eingetragen hätte«. Schließlich hatte der Löwe namens SED-Staat, mit dem Müller so oft gerungen hatte, ihm zugleich jahrzehntelang das Material geliefert. Intuitiv spürte nun der von der deutschen Geschichte besessene Müller, dass eine, seine Epoche sich neigte. Hier ging etwas zu Ende. Also gab der Dramatiker oben auf der Rednerbühne statt den Sieger lieber den unzeitgemäßen Seher auf die künftigen sozialen Kämpfe der sich soeben befreienden Proletarier. Nur sein persönliches Schlusswort brachte Beifall, wirkt aber dennoch wie bloße Nostalgie: »Wenn in der nächsten Woche die Regierung zurücktreten sollte, darf auf Demonstrationen getanzt werden.« Jene Pariser Tänze vom Mai 1968, auf die Müller hier anspielte, waren den meisten Demonstranten des Herbstes 1989 kaum ein Begriff. Ein Ordner hinterher zu Müller: »Das war billig.«
Den fünf Tage älteren Günter Schabowski hatte zuvor bei seinem Auftritt ein Pfeifkonzert empfangen. Unter permanenten »Aufhören!« -Rufen konnte der Chef der SED-Bezirksleitung von Berlin seine Rede nur mit Mühe zu Ende bringen. Sein Versuch eines Schulterschlusses mit den Demonstranten scheiterte. Ein mächtiges Politbüromitglied, niedergepfiffen von Hunderttausenden: Hier geschah tatsächlich eine Revolution.
Auf Begeisterung traf hingegen Christa Wolf, deren leicht zitternde Stimme via Mikrofon über den Platz hallte. Die Menge lauschte andächtig, um dann und wann in Jubel auszubrechen. Die Sprache der Schriftstellerin traf den Geist der Stunde, auch im eingemeindenden Wir: »Wir schlafen nicht, oder wenig.« Sie sah eine »unglaubliche Wandlung, revolutionäre Erneuerung«. Noch nie sei soviel geredet worden: »Diese Wochen, diese Möglichkeiten werden uns nur einmal gegeben: durch uns selbst.« »Gefühlswörter« würden auftauchen, eines davon sei »Traum«: »Also träumen wir, mit hellwacher Vernunft.« Nach der Rede, an der Christa Wolf bis in die Nacht gearbeitet hatte, um jede provokative Wirkung zu vermeiden, trat eine unbekannte Frau aus der Menge und umarmte die Schriftstellerin.

Doch auch Christa Wolfs Auftritt hat seine verdeckte Geschichte: Während der Rede erlitt sie einen kleinen, unbemerkten Herzanfall. Sanitäter fuhren sie anschließend ins Krankenhaus, wo eine Spritze ihren rasenden Puls wieder beruhigte. Wodka und Herzattacke: Die Stunde des Triumphes ist nicht gerade eine starke Stunde für den mächtigen Jahrgang 1929. Das hat seine symbolische Logik: Für ihn ging etwas zu Ende. Denn wie in der Bundesrepublik waren auch die ostdeutschen Angehörigen des Jahrgangs 1929 nicht Gründergeneration einer Gesellschaft, sondern deren kritische Innenausstatter. Ihre Träume, Wunsch- und Albträume, waren auf die DDR bezogen. Ihre seltsame Symbiose mit diesem Staat, in Ab- und Anlehnung, dauerte Jahrzehnte. Im Juli 1989 war Christa Wolf nach vierzig Jahren Mitgliedschaft aus der SED ausgetreten. Noch 1986 hatte Heiner Müller aus den
Händen Erich Honeckers den Nationalpreis erhalten. »Ich würde mich heute nicht anders verhalten. Es ist wichtig, dass meine Sachen zur Wirkung kommen, nicht dass ich den edlen Ritter spiele«, so Müller 1992 über dieses Politikum. Und diese DDR, die ihnen das Feld für ihre Identitätskämpfe geboten hatte, verendete 1989 vor ihren Augen;paradoxerweise auch durch ihr kräftiges Zutun.
Den großen Roman über die frühen Träume und Illusionen des Jahrgangs 1929 hat der etwas jüngere, früh am Alkohol zu Grunde gegangene Werner Bräunig in den sechziger Jahren verfasst. In der DDR durfte »Rummelplatz« nie erscheinen; 2007 wurde das Buch dann zu einem Überraschungserfolg. Peter Loose, einer der Haupthelden, formuliert hier die einigende Metapher jener Jahrgangsgemeinschaft: »Wir sitzen alle im gleichen Zug und machen alle die gleiche Bewegung mit und fahren alle in die gleiche Richtung. Und doch will jeder woanders hin und steigt woanders aus. Und jeder ist woanders hergekommen.« Sie waren eine Überlebensgemeinschaft: eine Kindheit im Nationalsozialismus erlebt, dann als Jugendliche mit Glück die Wirren des Kriegsendes überstanden, als um sie herum alles starb und sie in einem im Wortsinne freigeschossenen Land wiederaufwachten. Ihr antrainierter Daseinsmodus blieb auch in den folgenden Jahrzehnten der des Überlebenskampfs: in der Diktatur, zwischen Ost und West, im Zeitalter von Kaltem Krieg und atomarer Bedrohung.

Manche Wege des ostdeutschen Jahrgangs 1929 führten in den Westen. Früh bei dem Rostocker Walter Kempowski, bereits 1956 nach acht Jahren Bautzen. 1979 ging der Dichter Günter Kunert in die Bundesrepublik und ließ sich in Schleswig-Holstein nieder; er hatte wie Müller und Wolf 1976 zu den Erstunterzeichnern der Protestpetition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns gehört. Auch die umgekehrte Richtung gab es: 1954 kehrte Wolfgang Ullmann nach einem Studium in Göttingen als Pfarrer nach Sachsen zurück; später arbeitete er als Dozent für Kirchengeschichte in Naumburg und am Ost-Berliner Sprachenkonvikt, wurde zu einer der einflussreichsten intellektuellen Vaterfiguren
der DDR-Opposition, im Herbst 1989 Mitbegründer der Gruppe »Demokratie jetzt«, später Volkskammerabgeordneter und grüner Europaparlamentarier.
Gesamtdeutsch agierte der Jahrgang 1929 ohnehin: So hatte Christa Wolf 1980 in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis erhalten, die wichtigste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur; 1985 bekam Heiner Müller den Preis. Zu dieser Zeit hatte bereits Müllers alter Klassenkamerad 1946 in Waren an der Müritz der glanzvollen Abenddämmerung der alten Bundesrepublik ihren klassischen Ausdruck verliehen: Klausjürgen Wussow, auch er Jahrgang 1929, verkörperte als Chefarzt Professor Brinkmann in der beliebten ZDF-Fernsehserie »Schwarzwaldklinik« Folge für Folge jene Praxis des kommunikativen Handelns, die Jürgen Habermas, Jahrgang 1929 wenige Jahre zuvor in zwei Bänden theoretisch formuliert hatte. Das Glottertal in der Fernsehserie war die ost-westliche Zielutopie jener Epoche, der der Jahrgang 1929 seinen Stempel aufgedrückt hatte.

Die Vergangenheit blieb für sie alle stets die Himmelsmacht, unter der sie antraten, die sie niemals loswurden, in West und Ost. Christa Wolf hatte bereits mit Anfang Vierzig ihren großen Roman »Kindheitsmuster« (1976) verfasst, in dem sie stark autobiographisch gefärbt kindliche Prägungen im Nationalsozialismus beschrieb. Heiner Müllers dramatische Obsessionen kreisten um die deutsch-russischen, kapitalistisch-kommunistischen, revolutionär-reaktionären Konstellationen, von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, so »Germania Tod in Berlin« (1956/71), »Leben Gundlings« (1976), »Wolokolamsker Chaussee I-V« (1984-1988) oder zuletzt »Germania 3. Gespenster am toten Mann« (1995). Zur größten Manifestation für die fortwirkende Macht der Geschichte wurde jedoch ein Kunstwerk, in dem der Historientraum dieses Jahrgangs ebenso eindrucksvoll wie umstritten Gestalt annahm und für alle Nachkommenden noch lange sichtbar überdauern wird: Im thüringischen Bad Frankenhausen erhebt sich das »Bauernkriegspanorama«, das der Maler Werner Tübke, Jahrgang 1929, zwischen 1976 und 1987 schuf. Jenes frühe deutsche 16. Jahrhundert mit Luthers Reformation und religiösen Kriegen, das der Maler auf 1700 Quadratmetern darstellte, wurde zur Metapher eines umkämpften 20. Jahrhunderts: zwischen Himmel und Hölle, Macht und Ohnmacht, Diesseits und Jenseits.
Insofern war es auch diese so schwer domestizierbare Gegenwart, die dem Jahrgang 1929 bemerkenswerte Leistungen abverlangte und zugleich in ihm hervorbrachte. »Der Widerspruch der Zeit«, so schrieb Christa Wolf 1995 in ihrem Nachruf auf Heiner Müller, »war Grundlage und Stachel seines Lebens«. Gleiches gilt für sie selbst und beider Jahrgangsgenossen.
Am 9. November 1989 endete das Zeitalter des Jahrgangs 1929, in Ost und West. Und es gehört zu Klios Launen, dass es ausgerechnet ein Angehöriger dieses Jahrgangs war, der um 18.57 Uhr vor laufenden Fernsehkameras das Signal zum Epochenende gab: »Das tritt ... nach meiner Kenntnis ist das sofort ... unverzüglich. [...] Also ... doch doch ... alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. Berlin-West erfolgen. [...] Ich habe nichts Gegenteiliges jehört, ja, ich habe nichts jejenteilijet jehört, ich drücke mich nur so vorsichtig aus, weil ich nun in dieser Frage nicht ständig auf dem laufenden bin, sondern kurz bevor ich rüberkam, diese Information in die Hand gedrückt bekam.« Im welthistorischen Stottern des Günter Schabowski erfüllte sich die Mission des Jahrgangs 1929. Dieser war sechzig Jahre alt geworden, als seine Zeit plötzlich vorbei war. Sein Nachleben begann.

Über den Autor

Alexander Cammann, geboren 1973 in Rostock, war von 2000–2006 verantwortlicher Redakteur der gesellschaftspolitischen Zeitschrift vorgänge und lebt heute als freier Kritiker und Publizist in Berlin. Am 4. November 1989 war er einer der 500.000 Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz, die sich über Heiner Müller wunderten, Christa Wolf lauschten und Günter Schabowski ausbuhten.

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Im Jahr 2009 werden zwei bedeutende Ereignisse der deutschen Nachkriegsgeschichte gewürdigt: die Teilung Deutschlands durch die Gründung von zwei Staaten vor 60 Jahren und der Fall der Mauer vor 20 Jahren, der zur Wiedervereinigung der Deutschen führte. Die Kulturstiftung des Bundes beteiligt sich mit drei großen Projekten am Gedenkjahr 2009. Sie widmen sich dem Beitrag von Künstlern und Kulturschaffenden in ihrer Rolle als Chronisten, Kommentatoren und Kritiker der deutsch-deutschen Zeitgeschichte und der gesamtdeutschen Verhältnisse.

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