Adolf Hitler am 22. August 1939: "Wer spricht denn heute noch von der Vernichtung der Armenier?"

Mit diesem Satz beruhigte der "Führer" in seiner Geheimrede auf dem Obersalzberg, wenige Tage vor dem Überfall auf Polen und dem damit ausgelösten Weltkrieg, seine Oberbefehlshaber, die eventuell noch über seinen in derselben Rede klar geäußerten Völkermordplan gegen das polnische Volk beunruhigt waren. An diesem gut dokumentierten Satz Hitlers wird deutlich, dass eines der größten Menschheitsverbrechen, der Genozid an den Armeniern in der osmanischen Türkei 1915/16, in Deutschland nicht nur im 1. Weltkrieg, sondern auch in den folgenden Jahrzehnten nach Kräften verdrängt und totgeschwiegen worden war. Das dokumentarische Armenier-Epos Franz Werfels "Die vierzig Tage des Musa Dagh", in welchem Johannes Lepsius eine Schlüsselrolle spielt (erschienen 1933!), stand auf dem Nazi-Index der verbotenen Bücher. Und auch der historische Johannes Lepsius, der deutsche Anwalt und Helfer der Armenier, wurde mit dem Verschweigen des Völkermords aus dem Gedächtnis der Deutschen verdrängt.

Erst 90 Jahre nach dem Völkermord, im Jahre 2005, äußerten sich alle Fraktionen des Deutschen Bundestages in seltener Einstimmigkeit und im klaren Bewusstsein der Mitverantwortlichkeit des mit der osmanischen Türkei verbündeten Deutschen Reichs zu dem blutigen Schicksal des armenischen Volkes (Drucksache des Bundestages 15/5689). Gleich auf der ersten Seite heißt es dort auch zu Johannes Lepsius: "Der Deutsche Bundestag ehrt mit diesem Gedenken die Bemühungen all der Deutschen und Türken, die sich unter schwierigen Umständen und gegen den Widerstand ihrer jeweiligen Regierung in Wort und Tat für die Rettung von armenischen Frauen, Männern und Kindern eingesetzt haben. Besonders das Werk von Dr. Johannes Lepsius, der energisch und wirksam für das Überleben des armenischen Volkes gekämpft hat, soll dem Vergessen entrissen und im Sinne der Verbesserung der Beziehungen zwischen dem armenischen, dem deutschen und dem türkischen Volk gepflegt und erhalten werden."

Wer war Johannes Lepsius? Das Licht der Welt erblickte Johannes Lepsius im Jahre 1858 in Berlin als Sohn einer preußischen Elite-Familie. Sein Vater war Carl Richard Lepsius, der durch Alexander von Humboldt geförderte Begründer der Ägyptologie in Deutschland, der bereits 1863 in Berlin einen Verein zur Unterstützung der Armenier im Osmanischen Reich gegründet hatte. Die Mutter Elisabeth stammt von dem Berliner Aufklärer, dem Lessing- und Mendelssohn-Freund Friedrich Nicolai ab. Auf Wunsch der Mutter, die eine enge Mitstreiterin des Theologen und Sozialreformers Johann Hinrich Wichern war, begann der junge Johannes Lepsius zunächst das Studium der Theologie in Erlangen. Dann entzog er sich aber dem mütterlichen Willen und ging 1878 nach München zum Studium der Philosophie und Mathematik, wurde bereits als Student 1880 zum Dr. phil. mit einer preisgekrönten Arbeit auf dem Gebiet der Kantschen Philosophie promoviert und wandte sich 1881 aus eigenem Antrieb, obwohl er sich inzwischen auch dem Theater, der Schriftstellerei und der Musik verschrieben hatte, doch wieder der Theologie zu. 1884 wurde der vor vielen Talenten sprühende junge Mann am Berliner Domkandidatenstift für die deutsche evangelische Gemeinde in Jerusalem ordiniert.

In seinem Oszillieren zwischen Theologie und Philosophie hatte Lepsius schließlich die Theologie vorgezogen, da diese für ihn - so wörtlich - die "praktische Kritik der Wirklichkeit" darstellte, wie er seinem enttäuschten Doktorvater von Prantl nach München schrieb. Dieses der Marxschen Philosophiekritik nicht ganz unähnliche Theologieverständnis hat Johannes Lepsius dann zeit seines Lebens, nicht selten zum Entsetzen seiner kirchlichen und politischen Obrigkeit, praktiziert. Wissenschaftliche Theologie und Philosophie, Theater, Musik und Schriftstellerei hat er trotz seiner "praktischen Kritik der Wirklichkeit" nicht hinter sich gelassen. Auch auf seinen vielen Reisen studierte er sein griechisches Neues Testament und seinen Kant, die er rechts und links in den Jackentaschen zu tragen pflegte. Aber auch Nietzsche inspirierte ihn bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts als 'sokratischer Kritiker' des Christentums. Engste Freundschaft verband ihn mit seinem Bruder Reinhold, Porträtmaler und Philosoph, der von Max Liebermann, Walter von Rathenau u.a. hochgeschätzt wurde. Ebenso eng war Lepsius mit Reinholds Frau, der aus jüdischem Künstler-Milieu stammenden Malerin Sabine Lepsius verbunden, die mit ihrem Salon Stefan George die Tür in die Reichshauptstadt Berlin öffnete.

Im damals osmanischen Jerusalem wirkte der junge Lepsius als Lehrer und Pfarrer und begegnete dort seiner künftigen Frau Margarethe aus der weitverzweigten Württemberger Zeller-Familie. Sie heirateten noch in Jerusalem und gingen Ende 1886 ins Mansfeldische, ins Pfarramt im kleinen Friesdorf. 1889 gründete er zusammen mit seiner Frau für die arbeitslose Bevölkerung des kleinen Vorharz-Dorfes nach orientalischem Vorbild die Teppichmanufaktur Friesdorf. Schon dies trug ihm - als einem der ersten Sozialpfarrer in Deutschland - die Kritik seiner Berliner kirchlichen Oberen und die Liebe seiner Gemeinde ein.

Als er - über englische Kanäle - von den riesigen Massakern an der armenischen Bevölkerung des Osmanischen Reichs unter dem "blutigen Sultan" Abdul Hamid II. erfuhr, welchem 1894-1896 über 200.000 Menschen zum Opfer fielen, fühlten er und seine Frau sich verpflichtet, diesem von der völligen Vernichtung bedrohten Volk Hilfe zu bringen, auch wenn das Berliner Auswärtige Amt sein Engagement zu bremsen versuchte. Nach einer Erkundungsreise im Frühjahr 1896 in die Türkei, wo er von der Geheimpolizei des Sultans ständig observiert wurde, und der Publikation seiner ersten aufrüttelnden Armenier-Dokumentation Armenien und Europa (Berlin 1896, französisch Lausanne Paris 1896, englisch London 1897, russisch Moskau 1898) sowie der Organisation großer Protestversammlungen in ganz Deutschland gegen die Verbrechen an den Armeniern bat Lepsius seine Kirchenleitung, beurlaubt zu werden, um die Arbeit für das sich rasch ausweitende Armenische Hilfswerk bewältigen zu können. Aufgrund politischer Bedenken des Auswärtigen Amtes und der Berliner Kirchenleitung erhielt er diese Beurlaubung nicht und legte daraufhin sein Pfarramt unter Verzicht auf alle sozialen Absicherungen für sich und seine kinderreiche Familie nieder. Seit dem Spätjahr 1896 leitete er in freier Tätigkeit das Berliner Zentralkomitee des Armenischen Hilfswerks, wobei es dem brillanten Redner in unermüdlicher Vortragstätigkeit gelang, sich einer erstaunlich breiten Unterstützung in kritischen kirchlichen, akademischen, bürgerlichen und adligen Kreisen in Deutschland wie auch in der Schweiz zu versichern.

In dieser ersten Phase des Kampfes für das armenische Volk erwarb sich Lepsius auch den Ruf, einer der großartigsten Rhetoren in Deutschland zu sein, was auch die Preußische Politische Polizei bewegte, seine öffentlichen Auftritte zu überwachen. Wir verdanken der fleißigen preußischen Geheimpolizei wertvolle geheime Mitschriften der aufrüttelnden Reden Lepsius', die in einem ganzen Aktenbündel unter der amtlichen Überschrift "Armenier-Agitationen" im Preußischen Geheimen Staatsarchiv erhalten sind.

Mit Hilfe einer bedeutenden internationalen Mitarbeitergruppe (Deutsche, Schweizer, Dänen, Armenier etc.) und vieler kleiner und großer Sponsoren aus Deutschland und den benachbarten Ländern unterhielt Lepsius bereits damals große Hilfsstationen für die verfolgten Armenier, aber auch für Aramäer, so in der Türkei wie auch in Nordpersien und in Bulgarien. Die armenische Bevölkerung lebte im Osmanischen Reich weiterhin in Lebensgefahr und war periodischen Massakern unterworfen. Besonders heftig waren die Armenier-Massaker 1909 im Vilajet (Gouvernement) Adana als Reaktion auf die konstitutionelle Jungtürkische Revolution, die von den osmanischen Armeniern und Griechen mitgetragen worden war. Diese blutigen Ereignisse erinnerten damals die Welt an die nicht eingelösten Versprechungen "Armenischer Reformen" durch die europäischen Großmächte auf dem Berliner Kongress, die nun endlich verwirklicht werden sollten. So erhielt Lepsius, eigentlich das enfant terrible der Wilhelmstraße, nun seitens der deutschen Regierung 1912-1914 die Möglichkeit, als international bekannter Armenierfreund bei den diplomatischen Bemühungen der europäischen Großmächte für die "Armenischen Reformen" im Osmanischen Reich mitzuwirken und in diesem Zusammenhang 1914 die "Deutsch-Armenische Gesellschaft" mit der Unterstützung vieler deutscher Intellektueller, darunter z.B. auch Thomas Mann, zu gründen. 

Die Situation änderte sich grundlegend, als mit dem Beginn des 1. Weltkriegs das Deutsche, das Osmanische und das Habsburger Reich militärische Bündnispartner wurden und die jungtürkischen, nationalistischen Diktatoren am Bosporus sich des Problems der etwa zwei Millionen armenischen Untertanen im osmanischen Vielvölkerstaat zu entledigen suchten, um ihre "Vision" von einem ethnisch homogenen "Groß-Turan" zu verwirklichen. Johannes Lepsius, gerade noch "persona grata", wurde schnell wieder zur "persona non grata" der deutschen Reichsregierung, da er nun konsequent für die Rettung der Armenier kämpfte, die in der Türkei, dem Bundesgenossen des Deutschen Reiches, über die Todesstraßen der Deportation in die mesopotamische Wüste getrieben wurden, wobei zwischen 1 und 1,5 Millionen Menschen umkamen bzw. ermordet wurden. 

Lepsius erzwang sich im Auswärtigen Amt eine Reise in die Türkei. Dort wurde er nicht ins Innere des Landes gelassen, sammelte aber in Konstantinopel mit Hilfe vieler Augenzeugen und Diplomaten große Mengen belastenden Materials. Vor allem unterstützte ihn der US-amerikanische Botschafter Henry Morgenthau sr., Sohn einer in die USA emigrierten jüdischen Familie aus Mannheim, der in seinen Erinnerungen Lepsius für den einzigen anständigen Deutschen hält, der ihm in dieser Zeit am Bosporus begegnet ist. Am 10. August 1915 trifft Lepsius einen der Hauptverantwortlichen für den laufenden Völkermord, den osmanischen Kriegsminister Enver Pascha. In dem Streitgespräch, das an der "Hohen Pforte", dem osmanischen Regierungszentrum, stattfand, versuchte er mit Argumenten der Vernunft und der Wirtschaftlichkeit die auf vollen Touren laufende Maschine des Völkermords zu bremsen, wurde aber höhnisch abgewiesen. Franz Werfel hat diese historische Begegnung zu einem Schlüsselkapitel seines Armenier-Epos gemacht. Durch dieses Kapitel, das - im Jahre 1932 geschrieben - einen deutlichen Anti-Hitler- Geist atmet, ist Johannes Lepsius zu einer Gestalt der Weltliteratur geworden. 

Nach seiner Rückkehr entfaltete er wieder eine breite publizistische Arbeit im Kampf gegen die deutsche Militärzensur zum Thema der Armenier-Deportationen. Nach einem kühnen Vortrag Lepsius' Anfang Oktober 1915 vor der versammelten Presse aus ganz Deutschland im Berliner Reichstag stellte die deutsche Regierung tags darauf die ganze Armenien-Thematik unter Zensur. Reichskanzler von Bethmann Hollweg notierte im Dezember 1915: "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Kriegs an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht." 

Dagegen publizierte Lepsius, nach einer Odyssee des Druckmanuskripts, 1916 in Potsdam seinen "Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei", die international erste Dokumentation des laufenden Völkermords. Im August 1916 wurde dieser Bericht von der deutschen Militärzensur verboten. Die für Reichstagsabgeordnete bestimmten Exemplare, im Juli 1916 in Potsdam per Post abgesandt, wurden von den Behörden zurückgehalten und erreichten ihre Adressaten in Berlin im April 1919(!). Lepsius' internationale konspirative Arbeit gegen das deutsche und türkische Schweigen machte ihn nun wieder zum alten "enfant terrible" in den Augen weiter Kreise der deutschen Regierung. Einer der wenigen, die im Deutschen Reichstag den Bericht des unabhängigen Theologen Lepsius zur Sprache brachten, war der unabhängige Sozialdemokrat Karl Liebknecht, der in einer "Kleinen Anfrage" im Januar 1916, noch vor der Publikation des Lepsius-Berichts, die deutsche Reichsregierung mit den durch Lepsius beigebrachten Fakten konfrontierte. Als er im Plenarsaal seine Quelle, Lepsius, mit Namen nannte, gingen seine weiteren Worte im Lärmen vieler Abgeordneter unter. 
Offenbar wurde aber Lepsius durch andere politische Gruppierungen um den deutsch-jüdisch-anglophilen 'Geheimdiplomaten' und späteren Salem-Pädagogen Kurt Hahn davor geschützt, durch Entzug seiner Reisepässe bewegungsunfähig zu werden. Seine Freunde verschafften ihm einen bescheidenen Posten in den Niederlanden als Beobachter der neutralen und feindlichen Presse für die Militärische Stelle des Berliner Auswärtigen Amtes. Diese recht harmlose Arbeit für das Auswärtige Amt musste, wie üblich, nach außen geheim gehalten werden, weswegen bis heute Legenden über den angeblichen deutschen 'Spion' Lepsius kolportiert werden. Mit den deutschen Intellektuellen, die für einen friedlichen Ausgleich eintraten, war Lepsius als Mitglied der Berliner "Vereinigung Gleichgesinnter" im direkten Kontakt, eine Art politischem Gegenstück zur gleichnamigen apolitischen Ästheten-Vereinigung Stefan Georges. Zu den Mitgliedern der Berliner "Vereinigung" gehörten neben Lepsius unter anderen die Pazifisten Albert Einstein, Friedrich Wilhelm Foerster und Friedrich Siegmund-Schultze wie auch der jüdische Kunstwissenschaftler Werner Weisbach. 

Zu den Gründen des Hollandaufenthalts von Lepsius zählte auch, dass er dort seine durch Diabetes sehr stark angeschlagene Gesundheit viel besser pflegen konnte. Vor allem aber nutzte Lepsius seinen Posten in Holland gegen das ausdrückliche Verbot des deutschen Botschafters im Haag dazu, seine internationale proarmenische Arbeit fortzusetzen. Der anonyme holländische Bericht "Marteling der Armeniers in Turkije" von 1918 ist nichts anderes als die holländische Version des Potsdamer Lepsius- Berichts. Diese Mimikry gegenüber der deutschen Botschaft im Haag wirkt bis heute: In die Bibliotheken dieser Welt ist immer noch nicht durchgedrungen, dass Lepsius der Verfasser ist. 

Nach seiner Rückkehr aus Holland nach Deutschland Ende 1918 übernahm Lepsius nach Absprache mit dem Staatssekretär des Äußeren, Wilhelm Solf, die Edition der Sammlung diplomatischer Aktenstücke "Deutschland und Armenien 1914-1918" (Potsdam 1919). Lepsius musste um die Akten kämpfen, die er nur in unvollständiger Zahl vom AA, gelegentlich auch bereits 'bearbeitet', erhielt. Aber gewichtige Stimmen wie die Londoner Times und die skandinavische Presse werteten dennoch diese Akten-Edition als einen klaren Beleg für die Mitschuld Deutschlands, so dass die bereits vorbereitete englische und französische Version in der Asservatenkammer des Auswärtigen Amts abgelegt und nicht publiziert wurde. 

Lepsius schrieb schon 1920 in seiner Zeitschrift "Der Orient", dass gerade die "Mitschuld" der Deutschen am Schicksal des armenischen Volkes dazu verpflichte, den überlebenden Armeniern, trotz der wirtschaftlichen Misere im Nachkriegsdeutschland, zu helfen. Sein Armenier-Hilfswerk und seine Deutsch-Armenische Gesellschaft beteiligten sich entsprechend an den internationalen Hilfsaktionen für die in alle Welt versprengten armenischen Flüchtlinge und für die junge Republik Armenien. 

Mitten in der Gründungsphase einer Deutsch-Armenischen Akademie in Potsdam starb der schwerkranke Lepsius am 3. Februar 1926 im Südtiroler Kurort Meran. Dort, auf dem Friedhof der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde, findet sich sein Grab, auf welchem das armenische Volk als Zeichen seiner Dankbarkeit einen "Chatschkar" (Kreuzstein) errichtet hat. 
Angesichts der Weiterführung seiner Arbeit durch Fridtjof Nansen, den ersten Flüchtlings-Hochkommissar des Genfer Völkerbundes, kann man Lepsius als einen "nichtstaatlichen Vorläufer" der zwischenstaatlichen Menschenrechts- und Flüchtlingsarbeit von Völkerbund und UNO bezeichnen. Seine humanitäre Arbeit steht in Parallele zum Werk Albert Schweitzers, der in Afrika, nahezu gleichzeitig zum Kampf von Lepsius um das Überleben des armenischen Volkes in der Türkei, sein ethisches Prinzip der "Ehrfurcht vor dem Leben" praktizierte und formulierte. Als politisch konspirativ und widerständig arbeitender Theologe kann Lepsius auch - mutatis mutandis - als ein Vorläufer des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer gesehen werden. Der polnisch-jüdisch-amerikanische Jurist Raphael Lemkin, geistiger Vater der UN-Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Völkermordes (1948), bezog sich wesentlich auf die Erfahrungen der Völkermorde am armenischen und am jüdischen Volk. Mit seinem Kampf gegen den ersten großen Völkermord im 20. Jahrhundert wurde Lepsius zu einem Avantgardisten im heutigen Kampf gegen den Genozid, ein Kampf, der längst nicht zu Ende ist.

Über den Autor

Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Goltz, Theologe, Osteuropawissenschaftler und Orientalist an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Gründer und Leiter des Johannes-Lepsius-Archivs. Langjährige Mitarbeit bei der Conference of European Churches und dem World Council of Churches in Genf, engagiert in der Friedensarbeit zwischen Völkern und Religionen auf dem Balkan und im Transkaukasus. Goltz veröffentlichte u.a. "Deutschland, Armenien und die Türkei. Dokumente und Zeitschriften des Johannes-Lepsius-Archivs", München: K. G. Saur, 1998–2004 und "Alles von Zarin und Teufel. Europäische Russlandbilder aus vier Jahrhunderten". Mit einem Vorwort von Fritz Pleitgen, Köln: DuMont 2006.

Johannes Lepsuis - Schutzengel der Armenier

Die Kulturstiftung des Bundes fördert ein Filmprojekt und eine audiovisuelle Installation über Leben und Werk von Johannes Lepsius im Lepsius-Haus, Potsdam. Dr. Johannes Lepsius (1858-1926), von Franz Werfel zum "Schutzengel der Armenier" ernannt, war lange und immer wieder eine "persona non grata" in Deutschland und hat es in der Erinnerungskultur der Deutschen kaum weiter gebracht als zur "persona abscondita". Wo sein Name in öffentlichen Diskussionen jedoch auftaucht, geht es um nichts weniger als die empfindliche Frage nach historischer Schuld: An der Figur des Johannes Lepsius entzünden sich politisch-historische Auseinandersetzungen um die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern. Hermann Goltz, Theologe und wissenschaftlicher Berater des Projekts, gibt Auskunft über das wechselvolle Leben eines Menschen aus bestem bildungsbürgerlichen Hause, der mit seinem ethisch-religiös motivierten Engagement für das bedrohte armenische Volk ein persönliches Fanal gegen den zeitgenössischen Nationalismus und Imperialismus setzte.