Meine größte Sorge ist, dass die Männer verschwinden. Womöglich haben wir es in unseren Breiten bald nur noch mit diesen säuglingshaften Exemplaren zu tun, die sich weigern, scharfe Züge zu entwickeln oder zumindest bis ins Alter von vierzig, fünfzig Jahren ein paar Haare auf dem Kopf zu behalten. Deshalb müssen in die geistige Vorratskammer Bücher, in denen Männer vorkommen. Männer in gebrochener, raffinierter Heldenhaftigkeit, auf die ich ein klein wenig schmachtende, um nicht zu sagen süße Gedankenblicke werfe. Raymond Chandlers "Der lange Abschied" darf da nicht fehlen. Oh, oh, oh, wie eine Frischverliebte sehe ich den betrunkenen Terry Lennox aus seinem Sportwägelchen torkeln – was für eine Gestalt! Ein höflicher Betrunkener mit Narben im sehr weißen Gesicht und – wie sich nach und nach enthüllt – mit dramatischer Kriegserfahrung. Wenn wir schon bei Sportwagen sind, dann bitte gleich noch Jack Bickerson Bolling, den "Kinogeher" von Walker Percy, aufs Vorratsregal. Ein ebenfalls sehr höflicher Held, frisch aus dem Pazifikkrieg gezogen und in den Roman gesetzt, exzellenter Sportwagenfahrer – tiefgelegter MG, bei dem jeder Bodenhoppel sofort ins Fahrwerk schlägt – melancholisch, aber nicht schlapp der Mann, feinfühlig und trotzdem kein an sich selbst herumnagendes Sensibelchen.

Man wird einwenden, ich sei zu alt für erotische Schwimmgefühle und für Sportwagen sowieso. Wohl wahr. Ein echter Junkie lässt aber nicht auf gute Worte hin von seiner Lieblingsdroge. Deshalb sei gleich noch ein dritter Held in die Kammer geschmuggelt, ein durchaus ähnlich gelagerter zumal: Scott Fitzgeralds "Großer Gatsby", auch so ein unwahrscheinliches Bürschchen, sehr reich, sehr ehrenhaft bei unehrenhafter Vergangenheit, an seiner ersten Liebe klebend wie nicht gescheit, ein Charakter, den es in der Wirklichkeit – darauf fresse ich einen Besen samt Stiel – nie gegeben hat.

Nun aber Schluss mit der eroslispelnden Vorratshamsterei. Zu den ernsteren Dingen, zu Kafka. Franz Kafka ist natürlich unverzichtbar, das leuchtet jedem sofort ein, der ein Literaturfex ist. Unverzichtbar insbesondere sein Tagebuch; Tagebuch aller Tagebücher, so überraschend, springlustig und dabei von bohrender Introspektion wie gewiss kein zweites auf der Welt. Den "Amerika"-Roman, den "Prozess" bitte nicht vergessen, und wenn möglich packen wir das Gesamtwerk ein; es handelt sich ja eh um keinen zig Regalmeter okkupierenden Platzverdränger.
Kommen wir zu Herman Melville. Mit muss sein "Bartleby", dieser schlanke, wundersame Sonderling, der auf intrikate und elegante Weise Nein zu allem sagt, was von ihm verlangt wird, und damit fast die Welt umstürzt; ein amerikanischer Messias der Beharrung, der einem mit sanfter Stimme einbläut, dass nichts so sein muss und bleiben wird, wie es ist. Und schon gerät mir "Mrs. Dalloway" in den Blick, dieses herrliche Schwebphänomen aus dem Nachkriegslondon der frühen Zwanzigerjahre, das sich so frisch und zart und klar bis heute erhalten hat. Alles gleichzeitig, alles in leisem Aufruhr, die Phänomene berühren sich durch energetischen Kontakt, den die hochsensiblen Fingerspitzen der verehrten Virginia Woolf über ihr Grab hinaus gestiftet haben. Was für ein Zauberwerk!
Amüsieren will ich mich aber auch. "Die drei gerechten Kammacher" von Gottfried Keller kämen da gerade recht. Alles, was Züs Bünzli anstellt, um ihre drei Verehrer bei der Stange zu halten, ist von so schwindelerregender Komik, dass ich schon lachen muss, wenn nur ihr Vorname fällt. Züs, auch genannt Züssi, Du steckentrockene Jungfer, bös wie eine Wespe, erfinderisch wie ein Nähkästchenmachiavelli, sei mir gegrüßt!
Apropos Wespe. Ungern würde ich auf das kleine Wespenstück von Francis Ponge verzichten, ungern auf seine Auster, die Feige, das Kiefernwäldchen, die Hummel, den Kieselstein, den Frosch, das Moos, seine Zigarette oder die Molluske – organisch, anorganisch, nicht menschlich zwar, aber doch ein klein wenig menschelnd geneigt, die Augen aufzuschlagen und uns anzulächeln oder gar mit rudernden Ärmchen eine winzige Rede zu halten. Versänke die Welt um uns her, wären Reden, wie sie im Dunkeln die Zigarette an uns hält, von besonderem Gewicht.
Jetzt aber werde ich von der Kulturstiftung des Bundes ermahnt, schleuniger zu packen; was rein soll, muss rein ohne langes Warum und Wieso. "Wunschloses Unglück" von Peter Handke, den "Versuch über die Jukebox", rein damit, "Westend" von Martin Mosebach und "Was davor geschah" ebenso, dann der federleichte "Pigafetta" von Felicitas Hoppe, "Porzellan" und "Vom Schnee" von Durs Grünbein, nicht zu vergessen die grimmige Holzfällerei von Thomas Bernhard, und – wie könnte ich ihn übergehen – meinen geliebten "Verwaiser" von Samuel Beckett. Wahrlich, es bedürfte eines langgezogenen Warums, warum die Bibel mit hinein muss, natürlich in der originalen Übersetzung Martin Luthers und nicht in pflegeleichtem Schmierdeutsch, und gewiss Homers "Odyssee" und gewiss Dantes "Göttliche Komödie" (vielleicht in zwei Übersetzungen, davon eine die exzentrische von Rudolf Borchardt); und wenn jetzt bei der Husch-Husch-Packerei zwischen diese hochmögenden Kaliber aus Versehen ein blutfetter Elroy-Krimi geraten sollte – auch recht!

Über den Autor

Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart geboren, ist eine seit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 1998 mit vielen weiteren Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftstellerin, zuletzt mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2009 für ihren jüngsten Roman "Apostoloff", im selben Jahr bei Suhrkamp erschienen. Derzeit arbeitet die Schriftstellerin an einem Roman über den Philosophen Hans Blumenberg.

Über Lebenskunst

Wie kann eine ökologische Lebenskunst im 21. Jahrhundert aussehen? Über Lebenskunst, die Initiative für Kultur und Nachhaltigkeit, fördert und präsentiert Lösungsansätze, die eine nachhaltige Lebensweise in unserer kulturellen und sozialen Praxis verankern. Das Über Lebenskunst.Festival vom 17. bis 21. August 2011 im Haus der Kulturen der Welt stellt alle Projekte und Initiativen vor.