Als Daniel Defoe Anfang des 18. Jahrhunderts durch das Gebiet um Newcastle reiste, dem damals wichtigsten Kohlefördergebiet Englands, zeigte er sich ratlos angesichts der „ungeheuren Haufen, ja Gebirge von Kohlen, die aus jeder Grube gefördert werden, und wie viele solcher Gruben gibt es; uns erfüllt Staunen und wir fragen uns, wo wohl die Menschen wohnen mögen, die sie verbrauchen können.“(1) Inzwischen wissen wir, wo die Menschen wohnten, die fossile Energien in den ungeheuren Mengen verbraucht haben, wie sie in Newcastle gleichsam schon mal bereitgelegt wurden: zunächst eben in England, dann auch in Deutschland, in Nordamerika und mit erheblicher zeitlicher Verzögerung in ganz Europa und in vielen anderen Teilen der Welt. Die Kohle ist leider noch immer nicht verbraucht; tatsächlich liegt nicht wenig Tragik darin, dass sie noch lange vorhalten wird, weshalb viele Länder und Konzerne auch mittelfristig auf Energie aus Kohleverbrennung setzen, trotz aller hinlänglich bekannter Klimaschäden, die das anrichtet.

Doch darum soll es hier, in meiner moralischen Vorratskammer, gar nicht in erster Linie gehen, sondern vor allem um Defoes Erstaunen. Der äußerst fantasiebegabte Autor des Robinson Crusoe, der – sei es in Gestalt des Romans oder einer seiner vielen Verfilmungen – Generationen von westlichen Kindern und Jugendlichen die Segnungen einer rational ordnenden Zivilisation nahegebracht hat, kann sich an dieser Stelle auf seine Fantasie überhaupt nicht verlassen: Was sich gerade vor seinen Augen vollzieht – nämlich das Vorspiel zu jener industriellen Revolution, die das Antlitz Englands, dann Europas und schließlich des ganzen Planeten radikal und nachhaltig veränderte –, versteht er nicht. Wie auch? Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass die zunächst industrielle Anwendung der fossilen Energie Kohle sukzessive die ganze Gesellschaft energetisch revolutionieren und überhaupt erst alle Vorstellungen von Fortschritt, Wachstum und Unendlichkeit in die Welt bringen würde, denen die Ökonomen, Politiker und Manager bis heute huldigen.

Und noch weniger konnte jemand voraussehen, dass genau im Namen dieser Unendlichkeitsvorstellungen der Planet so sehr geplündert und verdreckt wurde, dass er heute, 200 Jahre später, vor dem Kollaps steht. Nein, das ist falsch: Nicht der Planet steht vor dem Kollaps, sondern die meisten menschlichen Gesellschaften, die ihn besiedeln. Vielen von ihnen ist derzeit noch gar nicht klar, dass sie sich gegenwärtig gerade in Gewinner und Verlierer des Klimawandels sortieren, und dass weder die Deutschen noch die vielzitierten und ökologisch geschmähten Chinesen zum Beispiel das Jahr 2030 in dem Zustand vorfinden werden, in dem sie es heute noch imaginieren: Und damit befinden sie sich exakt in derselben Situation wie Defoe vor zwei Jahrhunderten. Ihnen fehlt, mit einem Begriff von Günter Anders, die moralische Fantasie, sich vorstellen zu können, was man herstellen kann.

Aber diese moralische Phantasie muss unbedingt in jede Vorratskammer. Eine solche wird ja in Antizipation einer künftigen Situation gefüllt: um im Winter das im Sommer geerntete Gemüse essen oder in schlechten Zeiten das in reichen Jahren Gehortete verbrauchen zu können. Freilich ist den Bewohnern der fossilen Welt die Vorstellung ziemlich abhanden gekommen, was Saisons des Anbaus und Verbrauchs sind oder „schlechte Zeiten“ sein sollen: Die halten sie allenfalls für eine Fernseh-Soap und ansonsten gibt es Alles immer, nämlich bei Lidl oder, je nachdem, bei Denn’s.
Jedenfalls scheint gegenwärtig weder den Normalkonsumenten noch den LOHAS klar zu sein, dass ihre Konsumwelt drei Stützen voraussetzt: dass die Energiepreise so niedrig (und falsch) bleiben wie jetzt, dass die Ressourcenlage konstant ist und dass ansonsten nichts Dramatisches passiert, dass zum Beispiel also kein Ozean seinen Tipping Point erreicht und keine Megacity durch ein Extremwetterereignis zerstört wird. Bricht eine dieser Stützen weg, wird die Zeit des Alles immer vorüber sein; und wenn aus dem Lifestyle of Health and Sustainability (LOHAS 1.0) der Lifestyle of Health and Survival (LOHAS 2.0) geworden ist, wird man sehen, wer damit dann besser zurechtkommt: ein Bauer aus Afrika oder ein Banker aus Frankfurt. 
Vorratswirtschaft jedenfalls können Menschen, die es gewohnt sind, am Rande des Minimums zu leben, erheblich besser treiben als die, die bislang von der Möglichkeit des Mangels gar nichts ahnten. Und in gewisser Weise ist jenen die Zukunft auch viel präsenter als diesen: weil sie immer schon kalkulieren müssen, ob sie nächste Woche, nächsten Monat noch genug haben. Hier ergibt sich die moralische Fantasie schon existentiell; um die hochgezüchteten, abstrakten Lebens- und Wirtschaftsverhältnisse, in denen unsereins lebt, mit moralischer Fantasie auszustatten, bedürfte es freilich mehr Anstrengung. Nach Günter Anders besteht „die heute entscheidende moralische Aufgabe in der Ausbildung der moralischen Phantasie, d.h. in dem Versuche, das ‚Gefälle’ zu überwinden, die Kapazität und Elastizität unseres Vorstellens und Fühlens den Größenmaßen unserer eigenen Produkte und dem unabsehbaren Ausmaß dessen, was wir anrichten können, anzumessen; uns also das Vorstellende und Fühlende mit uns als Machenden gleichzuschalten.“(2)
Unterzieht man sich der Mühe nicht, das prometheische Gefälle auszugleichen, das zwischen dem Zerstörungspotenzial unserer Lebenspraxis und unserem defizitären Vorstellungsvermögen besteht, sieht man nicht, was vor sich geht – und zwar auf weniger harmlose und unschuldige Weise, als es bei Defoe der Fall war. Denn wir wissen ja, sind aber so installiert in unserer Komfortzone, dass uns jede Bewegung aus ihr heraus nicht bloß als lästig, sondern als ganz und gar unmöglich erscheint. Das Anlegen einer Vorratskammer wäre freilich eine solche Bewegung: Wenn man sie für nötig hielte, dann nur, wenn man die Wirklichkeit als jene unter gigantischem Ressourcenaufwand hergestellte Illusionsmaschine erkennen würde, die sie längst geworden ist. Tatsächlich ist die Vorratskammer, metaphorisch wie real, das Gegenkonzept zu der zukunftslosen, apokalypseblinden Praxis der Konsumgesellschaft, die inzwischen etwa 40 Prozent der Lebensmittel nicht mehr verbraucht, sondern wegwirft und viele Dinge lediglich noch kauft, aber gar nicht mehr konsumiert. Das ist das exakte Gegenteil von Bevorratung – es ist eine Entsorgung im Voraus, die bloße Verwandlung von Ressourcen in Dreck. 
Ist eine Gesellschaft mal so weit gekommen, hat sich ihr Überlebenssinn verflüchtigt, und mit ihr all die vorkonsumistischen Fähigkeiten zur Verantwortung, Gerechtigkeit, Achtsamkeit. Ohne solche Kompetenzen wird es aber schwer sein, jenseits der Komfortzone zurechtzukommen. Insofern müsste man schon jetzt beginnen, sich in einer anderen Praxis zu üben. Günter Anders empfiehlt ganz in diesem Sinn „moralische Streckübungen“, „Überdehnungen seiner gewohnten Phantasie- und Gefühlsleistungen“. Damit könnte man sich schon mal vorbereiten auf die Zeit nach dem Peak Oil, Peak Soil, Peak Everything. Oder besser noch: damit könnte man die Zeit nach dem Alles immer vorwegnehmen und schon mal jetzt sein Leben umstellen – auf Vorrat. 

1 Zit. nach Wolfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. Frankfurt/M.: Fischer 2004, S. 9.
2 Günter Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd. 1. München: Beck 1979, S. 273.

Über den Autor

Harald Welzer lehrt Sozialpsychologie an der Universität St. Gallen und ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen. Zuletzt gab er zusammen mit Christian Gudehus und Ariane Eichenberg das Buch "Erinnerung und Gedächtnis. Ein interdisziplinäres Handbuch" (Stuttgart: Metzler, 2010) heraus. Bereits 2008 erschien "Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird" (Frankfurt: S. Fischer, 2009). Im April 2010 erscheint "Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" (gemeinsam mit Sönke Neitzel) bei S. Fischer, Frankfurt.

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