… wenn man, statt sich auf ein nicht näher definiertes Überleben einzurichten, einen Plan B in Betracht ziehen würde?

Einfach den Abgang in Betracht ziehen, das eigene Verschwinden? Es sieht so aus, als hätten wir keine anderen Ziele mehr als das biologische Überleben der Gattung. Einige Vertreter dieser Gattung werden immer reicher sein und immer länger leben. Die anderen ganz im Gegenteil. Weder die eine noch die andere Aussicht ist besonders verlockend. Wir werden immer länger leben und uns immer länger langweilen. Um uns nicht zu langweilen, werden wir immer mehr kaufen müssen. Immer mehr Dinge, immer mehr Gesundheit, immer mehr Leben, immer mehr Organe zum Austausch. Eine langweilige Langlebigkeit wird das sein, langweiliger noch die Ewigkeit, in deren Genuss einige womöglich kommen. Man mag sich das gar nicht vorstellen. Noch schwerer zu ertragen ist der Gedanke an jene, die niemals in irgendeinen Genuss kommen werden. Sie werden geboren, sterben rasch und niemand erfährt je von ihrem Dasein. Sie sterben vor Hunger, an Krankheiten, vor Angst und Trauer. Sie sterben im Bewusstsein dessen, dass irgendwo die Satten, Gesunden und Unsterblichen leben.

Vielleicht ist es so, dass wir schon alles getan haben und Zeit für den Abgang ist, Zeit für den Plan B. Von dem großen religiösen, metaphysischen Entwurf ist nichts geblieben. Wir haben ihn nicht realisieren können. Wir konnten weder das Wissen ertragen, dass wir nicht allein auf dieser Welt sind, noch den Glauben daran, dass dies nicht die letzte aller Welten sei. Das hat nicht geklappt. Plan A ist gescheitert. Unser Leben hat sich als so zufällig und egoistisch erwiesen wie das Leben der Affen und Garnelen. Sogar mehr als jenes, denn die Affen dienen uns als Versuchstiere und die Garnelen ernähren die Wale. Unser Leben dagegen ist Selbstsucht in Reinkultur und dient allein dem eigenen Überdauern, der eigenen Vervielfältigung. Mag sein, dass die Krankheiten, Viren und Bakterien noch irgend etwas von uns haben. Eine ziemlich ironische Wende des Schicksals: Früher dienten wir Gott, heute den Mikroorganismen. Schwerlich wird man Wesen finden, deren Dasein ärmer ist an Sinn. Basta. Der letzte historische und hysterische Versuch, einen Rest Menschenwürde zu bewahren, hat vermutlich im Jahr 1917 stattgefunden. Damals hat wenigstens ein Teil von uns versucht, so etwas wie die Schöpfungsgeschichte oder den Urknall zusammenzuschustern. Tatsächlich hätte nicht viel gefehlt und die Welt wäre in die Luft geflogen. Die Idee war dennoch verwegen: einen neuen Menschen zu schaffen, weil der bisherige sich als nicht sehr befriedigend erwiesen hatte.
Wie man es auch sieht, die Sache steht nicht gut: als Masse, als Menge, als globalisierter Mist werden wir einigen wenigen den Weg zur Unsterblichkeit düngen. Am Ende wird es so kommen – die Biotechnologie als Erbin von Religion und Revolution wird siegen. Auserwählte werden so lange leben können, bis sie es satt haben oder ihnen langweilig wird. Gleichzeitig werden sie dafür sorgen, dass der Rest kurz genug lebt – so kurz, dass er keine Konkurrenz darstellt. Denn könnt ihr euch vorstellen, dass eine Generation nach der anderen auf die Welt kommt und nicht stirbt? Dass sie lebt und lebt und lebt und die Reste von Energie, die Reste an Lebensmitteln, an Luft und Licht auf diesem engen Planeten verbraucht? Das ist keine Vision, sondern eine kosmische Horrorgeschichte. Die Reichsten und Unsterblichen werden schon dafür sorgen, dass wir verrecken wie die Ameisen oder Termiten, sobald wir keinen Nutzen mehr bringen. Man braucht ja auch gar keine Zukunftsprognosen, die Gegenwart zeigt deutlich genug, worum es geht. Man braucht sich nur vorzustellen, dass man zum Beispiel ganz Afrika von der Weltkarte entfernen könnte und niemand (außer den Afrikanern selbst) würde etwas merken. Ja, man könnte dieses Stück der Landkarte einfach mit der Schere abschneiden und zusehen, wie es im Blau des Ozeans und dann in den Weiten des Kosmos versinkt. Vorher müsste man natürlich alles aus dem Boden herausholen, was einen Wert hat, Erdöl, Mineralien und so weiter. Aber stellen die dort lebenden Menschen irgendeinen Wert für den Rest der Welt dar? Vermutlich nur als billige Arbeitskraft. Jedenfalls solange, wie sie noch ein letztes bisschen Kraft haben.
Kraft? Menschenkraft wird doch immer weniger benötigt. Wir zanken wie die Hunde um die Reste, die die Reichsten uns hinwerfen. Wir wedeln mit den Schwänzen, damit uns überhaupt noch irgendjemand für nützlich hält. Dabei werden wir von Tag zu Tag überflüssiger. Wie die Afrikaner, nur ein bisschen langsamer und in einem etwas gesünderen Klima. Was unser Leben erleichtern sollte, wird es letztendlich überflüssig machen. Deshalb mag der Plan B wie eine Verzweiflungstat wirken, aber wenigstens ist er ehrenvoll. Wenn die Dinosaurier gegangen sind, warum sollten wir dann bleiben? Ich sehe keinen Sinn und mehr noch, ich sehe keine Chance, dass wir irgendwann noch einmal einen solchen Sinn hervorbringen könnten. Eine Weile dürfen wir noch leben in dem Bewusstsein, dass die Viren und Bakterien uns brauchen. Doch auch dieser Sinn wird am Ende verschwunden sein.

Die Übersetzung aus dem Polnischen stammt von Olaf Kühl.

Über den Autor

Andrzej Stasiuk, 1960 in Warschau geboren, schreibt für große polnische und deutsche Tageszeitungen Kritiken und Essays. In den frühen 1980er Jahren engagierte er sich in der polnischen pazifistischen Oppositionsbewegung, seit Mitte der 1990er Jahre betreibt er einen eigenen Verlag. 2005 wurde er mit dem Nike-Preis für das beste polnische Buch des Jahres ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch "Winter. Fünf Geschichten", übers. von Renate Schmidgall und Olaf Kühl (Frankfurt/Main: Insel Verlag, 2009).

Über Lebenskunst

Wie kann eine ökologische Lebenskunst im 21. Jahrhundert aussehen? Über Lebenskunst, die Initiative für Kultur und Nachhaltigkeit, fördert und präsentiert Lösungsansätze, die eine nachhaltige Lebensweise in unserer kulturellen und sozialen Praxis verankern. Das Über Lebenskunst.Festival vom 17. bis 21. August 2011 im Haus der Kulturen der Welt stellt alle Projekte und Initiativen vor.