Style in Africa. Die deutsch-ivorische Theater- und Tanzgruppe Gintersdorfer/Klaßen fragt in ihrer neuen Arbeit nach Spielarten des Panafrikanismus. Ein Bericht aus Kigali über ein TURN-Projekt.
 

Persönliche Vorbemerkung: Seit zwanzig Jahren fahre ich regelmäßig nach Afrika, zu Theaterfestivals, Tanzpremieren, Kunstausstellungen, und berichte darüber in deutschsprachigen Zeitungen. Inzwischen kenne ich die Menschen, Tiere, Landschaften, Städte, Kulturen und Probleme des Kontinents recht gut, und er fasziniert mich mehr denn je. In den Köpfen vieler deutscher Feuilletonredakteure jedoch herrscht ein Afrika-Bild, das peinlich antiquiert ist, und so muss jeder einzelne Artikel immer wieder neu erkämpft werden. Den Satz „Ach, Kultur in Afrika, gibt’s das?“ habe ich mehr als einmal gehört – auch aus sehr prominentem Mund. Afrika, das ist: zerhackte Männer, vergewaltigte Frauen, verhungerte Kinder, gewürzt mit Dürre, Bürgerkrieg und Terror. Das zynische Journalistencredo „only bad news is good news“ bestimmt bis heute die Wahrnehmung von Schreibern und Lesern. Natürlich gibt es alles das, und viel zu viel davon – aber es gibt eben auch die andere Seite, und von der kommt zu wenig bei uns an.

Und auf einmal tobt plötzlich dieser Afrika-Kultur-Hype durch Europa! Er wird wieder vergehen, wie alle Moden, aber wenn ein bisschen davon hängen bleibt, mehr Offenheit und Verständnis weckt, dann hat er sich gelohnt.

 

Die deutsch-ivorische Theater- und Tanzgruppe Gintersdorfer/Klaßen besteht seit 2005, und das höchst erfolgreich. Von der frühen „Logobi“-Serie über ihr berühmtestes Stück „Othello, c’est qui?“ bis zum aktuellen TURN-Projekt „La nouvelle pensée noire“ geht es bei ihr stets um Sein und Schein von Identität, um die auftrumpfende Lust am Vergleichen, Vergegenwärtigen und Vergrößern des jeweiligen Egos und seiner vielen Facetten. Die Ivorer und die Deutschen, die sie übersetzen und nachahmen (wobei sie den Kürzeren ziehen und dennoch glänzen), sind ein verschworenes Team. Für das dreiteilige Großprojekt über das neue schwarze Denken haben sie sich nun Kongolesen, Ruander und Holländer als Verstärkung geholt und als Widersacher. Sie orientieren sich dabei an der traditionellen afrikanischen Chefferie, einer Art Regionalrat, bei dem jeder Chef ist und niemand das alleinige Sagen hat.

„Wir verstehen diese Gruppe auch als eine Chefferie“, sagt Monika Gintersdorfer. „Jeder Performer ist sein eigener Chef, er muss stark sein, mutig, eloquent und er muss Verantwortung tragen für sich selbst und alle anderen.“ Der Spielstil, der keine Vierte Wand kennt, sondern auf das Publikum losgeht, es auch schon mal „verhext“ oder sonstwie einschüchtert, hat nichts mit abgedroschenem Mitspieltheater zu tun, aber alles mit dem Risiko einer echten Gleichberechtigung beider Seiten. Das Unerwartete, die Fremdheit und persönliche Radikalität sind Teil der kollektiven Ästhetik – gemütlich ist das nicht, aufregend fast immer.

Im November 2013 gab es beim Spielart Festival in München eine erste Version des TURN-Projekts, eine zweite, kleinere, hatte im Februar 2014 in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, Premiere. Im Mai gibt es Gastspiele bei den deutschen Koproduzenten HAU Berlin, Kampnagel Hamburg, FFT Düsseldorf und Pumpenhaus Münster. 2015 folgt die dritte Etappe in Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) und beim KVS in Brüssel. Die Aufführungen werden sich bei jeder Station verändern, je nachdem, wer mitmacht, wie viel Probenzeit es gibt und welche aktuellen Themen gerade anliegen. Das ist für ein Theater, das sich der Improvisation und Spontaneität verschrieben hat, durchaus angemessen – es ist der alte Brecht-Traum von schnellem Reagieren und ständiger Veränderung, und dass es Afrikaner sind, die ihn nun verwirklichen, hätte ihm vermutlich gefallen.

Die Münchner Aufführung war mit zwölf Darsteller/innen aus fünf Ländern sicher das personenreichste und logistisch aufwendigste Unternehmen, auf das sich die Gruppe je eingelassen hat. „La nouvelle pendsée noire“ – der Titel ist anspruchsvoll und scheint eher einer internationalen Konferenz angemessen als einem internationalen Theaterstück. Aber natürlich geht es hier nicht um abstrakte Diskurse, Definitionen und Differenzierungen, sondern um sehr konkretes Tanzen, Denken, Sprechen, um Vitalität, Provokation, Witz und Wirbel. Sie formen ihre Beobachtungen und Überzeugungen zu einem szenischen Mosaik, dessen Steine sie einander darbieten oder aufeinander schmeißen. Nicht alles gelingt, doch alles ist getragen vom gemeinsamen Engagement. Ob sie sich gegenseitig zu Chefs erklären („alle oben, kein unten“) oder den Studiengang „Critical Whiteness“ zerpflücken, über das Geheimnis panafrikanischer Spiritualität sinnieren oder über den Stellenwert eines Hungerstreiks im wohllebenden Deutschland – stets werden Gedanken in Bewegung, Gesten in Worte verwandelt und so lange vermischt, bis sie einander widersprechen. Da muss man unten genau so schnell und geistesgegenwärtig sein wie die da oben, um alles mitzukriegen.

Die Arbeit in Kigali beginnt dort, wo sie in München aufhörte; manches, was bei der Uraufführung noch nicht ganz fertig war, wird jetzt verfeinert, anderes weggelassen. Die Kongolesen, die eine Art Bindeglied zwischen den dominanten Ivorern und den eher zurückhaltenden Ruandern waren, sind diesmal nicht dabei (werden aber in Kinshasa wieder hinzustoßen). So prallen die Gegensätze nun direkt aufeinander – und sie sprühen Funken. Es gibt nur zehn Probentage, aber sie finden in Afrika statt, und das ist entscheidend. Wobei alle einig sind, dass Ruanda nicht Afrika ist. Ruanda ist ein kleines, schönes Land, grün, sauber, sicher und gut organisiert. Selbst in der Hauptstadt gibt es weder Menschengewimmel noch Staus, kaum Straßenhändler oder Bettler. Stattdessen jede Menge gute Straßen und gepflegte Gärten, einen gewissen Wohlstand und eine schreckliche Vergangenheit. Das Regierungsprogramm „Vision 2020“ strebt den Umbau Kigalis zur „westlichen Metropole“ an; ein Dienstleistungs-Standort soll entstehen, der Investoren anlockt, mit guter Infrastruktur und riesigem Kongresszentrum nebst Luxusökohotel, vom Münchner Architekten Roland Dieterle imposant geplant und derzeit im Bau befindlich.

Ob die Umwandlungsrechnung aufgeht, sei dahingestellt. Ganze Stadtviertel sollen abgerissen und gentrifiziert werden, die Eigentümer der Häuser sollen eine Entschädigung erhalten, die Mieter nicht – die müssen dann wohl zurück in ihre Dörfer. Das Tempo der Modernisierung ist rasant, wer da nicht mithalten kann, bleibt auf der Strecke. Aber es gibt auch eindrucksvolle Fortschritte in vielen Bereichen: ein Parlament, in dem knapp 60 % der Abgeordneten Frauen sind (Weltrekord!), ein Gesetz, das Plastiktüten verbietet (und siehe da: Es geht auch ohne), die konsequente Förderung von Bildungschancen für Mädchen. Es gibt eine vorbildliche Aufarbeitung des Genozids, mit Memorials im ganzen Land, die erschütternd sind und das Versprechen „Nie wieder!“ glaubhaft machen. Dass das unbegreifliche Gemetzel in einer derart friedlichen, stillen, nachgrade poetischen Landschaft stattfand, lässt es noch unvorstellbarer erscheinen.

„Wir haben eine Million Tote in drei Monaten geschafft“, hieß es in einer makabren Szene in München, „ihr habt für sechs Millionen vier Jahre gebraucht. Wir waren effizienter – ihr könnt von uns lernen.“ Der tiefschwarze Humor der „Comedy Knights“ hat in Kigali Kultstatus. Zwei Mitglieder der Kabarettgruppe, Michael Sengazi und Hervé Kimenyi, vertreten ihr Land bei „Black Thought Now“. Die dritte im Bunde ist hier die Schauspielerin Sonja Uwimbabazi. Gemeinsam mit dem Ivorer Franck Edmond Yao entwickelt sie eine köstliche Szene über „Style in Africa“. Von wegen Panafrikanismus – was in Abidjan als „malin“ gilt, hält man in Kigali für vulgär. Franck präsentiert seine coolen Klamotten, gibt mächtig an, gockelt herum. „Are you crazy?“, empört sich Sonja, ihr Körper wird vor lauter Abwehr immer steifer, ihre Miene verächtlich. Sie setzt auf elegante Zurückhaltung und Selbstbeherrschung, er schimpft: „C’est de l’arrogance!“.

In solchen kleinen Sketchen steckt viel Klischee, aber auch viel Wahrheit. Sie sind die Stärke der Aufführung und werden vom Publikum begeistert aufgenommen. Und für die Schauspielerin ist es eine Offenbarung, Text und Szene selbst zu erfinden. „Am Anfang tat ich mich schwer damit, weil ich es nicht gewohnt war“, sagt sie, „aber jetzt überlege ich schon, wie ich diese Methode in meine eigene Gruppe übernehmen kann. Das Schöne beim Improvisieren ist, dass es dich so bereichert. Es ist eine große Herausforderung, doch wenn du dich traust, dann macht es dich so frei und glücklich.“

Die Proben finden im Aufenthaltsraum eines kleinen Hotels statt, das für die Truppe vom Koproduzenten Goethe-Institut Kigali angemietet wurde. Die Atmosphäre ist locker, es wird viel gearbeitet, viel gelacht, diskutiert und erfunden, die Stimmung ist gut, trotz (oder wegen?) all der Gegensätze. Wenn ein neues Themaaufkommt, improvisieren alle gleich drauflos, Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen sortieren die Vorschläge, sie gewichtet, er dokumentiert. Wie im zeitgenössischen Tanz üblich, stammen Choreografie und Text von den Performern selbst. Monika feilt an den Szenen. Spitzt zu, was unscharf ist und strukturiert den Ablauf. „We are chilly“, antwortet Michael, als der heißblütige Gotta Depri ihn zu mehr szenischer Aggressivität auffordert. Die physische Präsenz und Vitalität der Ivorer und die intellektuelle Kühle der Ruander schaukeln sich gegenseitig hoch; für die Deutschen und die Holländer wird es schwierig, sich dagegen zu behaupten. Aber wenn sie alle miteinander tanzen, kocht der Saal – etwa bei „Supernation“. Damit ist Ruanda gemeint, erfüllt es doch die drei Kriterien dafür: ein großes berühmtes Gebäude (das Genozidgefängnis in Nyanza) und ein Ereignis, das die Welt bewegte – dann kommen die Superstars zu den Gedenkfeiern, von George Clooney bis leider auch Paris Hilton. Und noch etwas kann man vom Supergefängnis lernen: „Die kleinen Verbrecher leiden, die großen sind auf Facebook.“

Hervé erzählt die Geschichte vom weißen NGO-Mitarbeiter, der zu ihm sagte: „You are so smart – did you study in the US?“ und sich sehr wunderte, als er das verneinte. Das ist Wasser auf Hauke Heumanns Mühlen der „Critical Whiteness“, und eine lange Diskussion entsteht. Schließlich sind sie sich einig, dass, wer zu sehr seine Gedanken filtert, um keine Fehler zu machen, gar nicht mehr kommunizieren kann. Also lieber spontan und falsch als korrekt und verkrampft? „Oder gar nicht“, sagt der Komödienritter mit breitem Grinsen. So entstehen die Szenen des Stücks, wobei in diesem Fall die Zeit nicht mehr reicht, um das Problem auch in Bewegung und Musik zu fassen. Aber das Material ist zu gut, um nicht später einmal irgendwo wieder aufzutauchen.

Knut Klaßen: „Bei uns gehen die Stücke immer recht organisch ineinander über. Wir planen das nicht, es hängt einfach von den Umständen ab: wer zur Verfügung steht, wie die finanzielle Seite aussieht, mit wem wir weitermachen wollen, welche Ausdrucksmittel wir miteinander gefunden haben. Die Proben hier sind jetzt ganz toll gelaufen, weil wir eine große Offenheit hatten, in der alles möglich war, auch, dass alles explodiert und den Bach runtergeht. Das hat der Aufführung eine schöne Leichtigkeit verliehen.“ Und diese Leichtigkeit ist ansteckend, die Premiere ein Riesenerfolg. Sie findet im Auditorium des Kigalu Serena Hotels statt, bei freiem Eintritt, und ist rappelvoll. Es gibt mehr weiße Gesichter als schwarze, aber alle strahlen. Dabei ist der Abend, Leichtigkeit hin, Komik her, nicht so einfach konsumierbar mit seinen vielen Themen, Schichten und Sprachen, die übereinanderpurzeln. Doch gerade das macht ihn spannend und legendentauglich, da es keine weiteren Vorstellungen gibt und jeder – das zeichnet sich schon bei den Gesprächen nach der Premiere ab – ihn anders in Erinnerung behalten wird. Ein größeres Kompliment kann es für Theater nicht geben.

Renate Klett

ist Dramaturgin und Publizistin mit dem Schwerpunkt internationales Theater und Tanz.

La nouvelle pensée Noire / Das neue schwarze Denken

ist eine Theaterproduktion von Gintersdorfer/Klaßen mit Performer/innen der Côte d'Ivoire, aus der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda, gefördert im Fonds TURN.

TURN - Fonds für Künstlerische Kooperationen zwischen Deutschland und afrikanischen Ländern

Mit dem Fonds TURN möchte die Kulturstiftung des Bundes möglichst viele unterschiedliche Institutionen in Deutschland anregen, sich mit dem künstlerischen Schaffen und den kulturellen Debatten in afrikanischen Ländern zu beschäftigen.